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14. November 2018

Koch- und Reiselust

Unterwegs sein, gemeinsam kochen und Kultur genießen. Das bringt Kraft und Energie, ganz gleich, an welchem Ort der Erde man sich befindet. Das Wissen über andere Kulturräume kann nur bereichern, darin sind sich unsere drei Kandidatinnen mehr als einig.

Koch- und Reiselust

Unterwegs sein, gemeinsam kochen und Kultur genießen. Das bringt Kraft und Energie, ganz gleich, an welchem Ort der Erde man sich befindet. Das Wissen über andere Kulturräume kann nur bereichern, darin sind sich unsere drei Kandidatinnen mehr als einig.

Alice Man

1992 traf Alice ihren späteren deutschen Mann, einen waschechten Bayern. Das war im englischen Norwich. Erst zehn Jahre später, auf einer gemeinsamen Reise nach Vietnam, „funkte“ es zwischen den beiden. Die studierte Kunstpädagogin war da schon Lehrerin in ihrer Heimat Hongkong. Ihr Ehestart begann in Hannover, wo sie in puncto Essen erst einmal ihr geliebtes Seafood vermisste. Doch ihr Mann machte den Verlust mit Weißwurst, Schweinebraten, Sauerkraut und Knödel wett. „Sojasoße darf nie in meinem Kühlschrank fehlen“, sagt sie. Und: „Ich habe kein Rezept im Kopf. Ich glaube an meine kreative Ader.“

Sylvia Pinto

In ihrer Heimatstadt Caracas, wo sie Architektur studierte und ein eigenes Büro hatte, traf Sylvia ihren deutschen Mann, dessen Job ihn alle vier Jahre in ein anderes Land führte. In Schottland kamen die beiden Töchter zu Welt, in den Niederlanden lernte sie Matjes und Poffertjes essen. Der Aufenthalt in Libyen fand mit dem Ausbruch des Krieges ein trauriges Ende. Hals über Kopf und ohne Hab und Gut musste die Familie das Land verlassen. Als festen Familiensitz entschied man sich für Hannover. „Mein Mann stammt aus dieser Stadt“, erzählt sie. „Hier konnte ich unser Haus bauen, ganz nach meinen Vorstellungen.“

Joanna Sell

„Mein Zuhause in Polen ist mit der Erinnerung an den wunderbaren Geruch von Teig, Schokolade und Früchten verbunden“, berichtet Joanna. Vielleicht backt sie deswegen so gern. Auch Sightseeing gehört zu ihren ganz großen Leidenschaften. Immer wieder zieht es sie nach Krakau, wo sie Kunstgeschichte studierte und ihren deutschen Mann kennenlernte. Als interkulturelle Trainerin ist es ihr ein Anliegen, Geschäftsleuten den Zugang zur polnischen Kultur nahezubringen. Zu diesem Thema hat sie eine Firma gegründet und ein Buch geschrieben. Zudem unterrichtet sie an den Unis von Hannover und Hildesheim.

Großes Hallo und viele Bussis rechts und links gibt es, als Alice und Joanna schwerbepackt in Sylvias Haus kommen. „Wow, was für eine Küche! Wie im Fernsehen“, schwärmt Joanna und streicht über den glatten Tresen aus Granit. Die beiden Ankömmlinge bewundern nicht nur die offene Küche, sondern auch den Blick hin zum großzügigen Wohnbereich, den Sylvia ähnlich einem überdachten Patio mit einem hohen Hallendach entworfen hat. „Seht dort drüben.“ Sie zeigt auf ein verschnörkeltes Metallgitter. „Selbst an den Papagei habe ich gedacht“, sagt die Architektin und lacht. „Ich habe eine schöne Voliere für ihn kreiert. Er sollte am Familienleben teilhaben, doch leider ist er tot“, sagt sie lakonisch und räumt den Küchentresen frei, damit die Damen ihre Lebensmittel auspacken können. Die drei kennen sich nicht nur durch Iwah, dem internationalen Frauenverband in Hannover, sondern auch von gemeinsamen Reisen. „Alice hat unseren Trip nach Hongkong organisiert“, erzählt Joanna. „Es war einfach wunderbar. Wisst ihr noch, die kleinen Hotelzimmer, mir kam es vor, als ob wir in einer Schuhschachtel wohnten. Aber kulinarisch war es ein Erlebnis.“ Sylvia ist immer noch hingerissen. „Deine Familie hat uns soooo verwöhnt, die frischen Meeresfrüchte, das sagenhafte Hot-Pot-Gericht.“ Fotograf und Redakteurin schauen ein bisschen verständnislos drein. „Das ist ein typisch chinesisches Fondue“, erklärt Alice, „man kann alles im Hot Pot kochen, Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse, Salate, Tofu, Nudeln … Alles, was man möchte! Die ganze Familie sitzt zwei, drei Stunden zusammen, es wird gegessen und geredet. Das ist eine wunderschöne Familienzeit.“ Während Joanna und Sylvia noch über das „Erlebnis Hongkong“ sprechen, bereitet Alice die Füllung für die Wan Tans vor und mischt die gehackten Garnelen mit den Gewürzen. Sie dreht schnell eine gefüllte Teigtasche zusammen und erklärt: „Wan Tan bedeutet auf Deutsch ‚Geschickte Wolke‘, ist doch witzig.“ Sylvia muss lachen. „Die Übersetzung meines Gerichts ist auch lustig. Pabellón con beranda bedeutet auf Deutsch ‚Pavillon mit Geländer‘.“ Warum? Sylvia zuckt mit den Schultern und berichtet ihren Mitköchinnen, dass das Urteil über die Küche Venezuelas zwischen „köstlich“, „exzentrisch“ und „schwer verdaulich“ schwankt. Sie zeigt ihren staunenden Freundinnen, wie sie das inzwischen abgekühlte Rindfleisch mit den Händen im wahrsten Sinne des Wortes in einzelne Fasern zerreißt. „Mit den schwarzen Bohnen kann man es sich einfach machen, wenn man sie aus der Dose nimmt. Ansonsten müssen die harten Dinger stundenlang eingeweicht werden.“ Und sie erzählt, dass auf ein Grundnahrungsmittel kein Venezolaner verzichtet: auf die faustgroßen Arepas aus Maismehl. Diese Kreuzung zwischen Brötchen und Teigtasche ist die Sättigungsbeilage schlechthin. Es gibt sie morgens, mittags, abends, gefüllt mit Huhn, Thunfisch, Schinken, Rührei, Tomaten, Zwiebeln oder als Brotersatz mit dem Sahnekäse Nata. „Mit solchen exotischen Gerichten kann ich nicht mithalten“, sagt Joanna und schiebt ihre beiden Kuchenformen in den Ofen. Die Mutter von Julia (14) und Luca (11) hat das exzessive Backen in ihrer Familie noch in bester Kindheitserinnerung. „Bei mir zu Hause haben jedes Wochenende drei Generationen die leckersten Sachen gezaubert. Die Spezialität meiner Urgroßmutter waren alle möglichen Hefekuchen, meine Oma war für ihre Torten bekannt, und meine Mama experimentierte gern mit neuen Rezepten.“ Joanna schlägt die Sahne steif, verstreicht die Hälfte davon auf dem einen Teig und häufelt die Früchte darauf. Dann klappt sie den anderen gebackenen Teig darüber, gibt eine weitere Schicht Sahne darauf und schmückt die Torte mit Beeren. Hast du etwas Grünes in deinem Garten, zum Beispiel Minze?“ Sylvia schüttert bekümmert den Kopf. „Meine Minze ist schon ein bisschen tot.“ Sie holt ein recht struppiges Bündel aus dem Kühlschrank. „Wie dein Papagei?“, fragt Joanna. Aber für die Deko reicht es. „Das sieht großartig aus“, bescheinigen ihr die Mitköchinnen. „Kein Wunder, dass du das so gut kannst, nachdem du uns von dem Geschick deiner Vorfahrinnen erzählt hast.“ Das Lob macht Joanna schon ein bisschen stolz. „Erst neulich habe ich für Luca mit großer Begeisterung eine Fußballtorte gebacken.“ Am Küchentresen genießen die drei ihr leckeres Menü. „Joanna“, witzeln Alice und Sylvia, „jetzt freuen wir uns schon auf eine Reise in dein Polen. Beginnst du bitte schon mal mit der Organisation?“

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