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26. Juni 2019

Sprachkurs zwischen Topf und Deckel

„Jeder Topf findet seinen Deckel“: Beim gemeinsamen Kochen stellen Ergül, Karsass und Manar fest, dass es dieselben Sprichwörter in vielen Sprachen gibt.

Sprachkurs zwischen Topf und Deckel

„Jeder Topf findet seinen Deckel“: Beim gemeinsamen Kochen stellen Ergül, Karsass und Manar fest, dass es dieselben Sprichwörter in vielen Sprachen gibt.

Ergül Tanrikulu

Die 20-Jährige hat das Abi in der Tasche und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus in Kiel. Für ihre Zukunft hat Ergül schon Pläne geschmiedet: Sie möchte eine Ausbildung zur Polizistin machen und im Anschluss Kriminologie studieren. Und das am liebsten in Hamburg. „Mich reizt das Leben in der Großstadt“, sagt sie. Die junge Frau reist regelmäßig in die Heimat ihrer Mutter, nach Istanbul, um Verwandte zu besuchen. Kochen ist für sie eine willkommene Abwechslung. Das Einkaufen und das anschließende Aufräumen genießt sie ebenso wie die selbst gezauberten Gerichte.

Karsass Ali

Karsass ist vor zwei Monaten in seine erste eigene Wohnung gezogen, was ihn kulinarisch vor manche Herausforderung stellt, denn bislang hatte ihn seine Mutter bekocht. „Ich habe drei Dönerläden direkt um die Ecke“, weiß der 20-Jährige sich zu helfen. Seine Eltern waren 1995 von Bagdad nach Kiel geflüchtet; für sein Leben in Deutschland ist Karsass dankbar. Zurzeit studiert er Pädagogik und Soziologie. „Brücken baut man am besten durch Kommunikation“, sagt der junge Kurde, der zweisprachig aufgewachsen ist. Er könnte sich gut vorstellen, in Zukunft als Sozialarbeiter an einer Schule zu arbeiten.

Manar Odat Allh

Manar stammt aus Syrien und ist vor etwas mehr als drei Jahren über eine Hilfsorganisation aus Aleppo geflüchtet. In seiner Heimat hat er Informatik studiert und möchte nun sein Studium in Deutschland beenden. Zur Überbrückung arbeitet er nachts in einer Bäckerei. Der 29-Jährige spricht schon sehr gut Deutsch und fühlt sich in Kiel wohl. In seiner Familie kochen vor allem seine Schwester und seine Mutter, die ebenfalls in der Landeshauptstadt leben. „Wenn die beiden kochen, dann habe ich in der Küche nichts zu suchen“, gibt Manar zu.

Kochen ist eben international. Genau wie die Liebe. Heute wird in Ergüls Küche gekocht. Sie teilt sich die Kieler Wohnung mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. „Dem habe ich gesagt, dass er in seinem Zimmer bleiben muss, und meine Mutter ist arbeiten. Die Luft ist also rein“, begrüßt Ergül das Hierleben-Team schmunzelnd. Kurz darauf erscheinen auch Karsass und Manar – damit ist die Kochrunde komplett. Die Begrüßung zwischen Karsass und Ergül fällt herzlich aus; sie kennen sich schon lange. Der höfliche Manar ist noch etwas schüchtern.

Da scheint gemeinsames Schnippeln die beste Methode zu sein, um miteinander warm zu werden. Ergül legt direkt los und schneidet die Zutaten für ihre Vorspeise, eine türkische Linsensuppe. Karsass tut es ihr gleich. Dass dem Kommunikationstalent heute noch ordentlich heiß werden wird, ahnt er noch nicht. Etwas zögerlich beginnt auch Manar, den Teig für seine Nachspeise vorzubereiten. Er ist spontan für seine Schwester Dania dabei, die sich bei einem Sturz vom Baum verletzt hat – zum Glück ist es noch glimpflich ausgegangen. Damit heute alles klappt, hat er am Vorabend extra noch geübt. „Ich habe diesen Nachtisch gestern das erste Mal zubereitet“, gibt Manar nervös zu. Damit ist er besser vorbereitet als die zweite männliche Hälfte in dieser Runde. „Ich wohne erst seit zwei Monaten allein und probiere mich gerade aus“, erklärt sich Karsass unverdrossen. Dafür kann der Küchenfremdling beim Thema Technik punkten. Die Dunstabzugshaube, die angeblich seit Monaten nicht funktioniert, bringt er mit einem Handgriff wieder zum Laufen.

Manars Teig ist fürs Erste fertig. Der muss nun 45 Minuten gehen. Oder stehen? Beim Deutschlernen stellen sich Manar viele Fragen. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Wechseln und Tauschen, fragt er. Oder wann sagt man eigentlich füllen und wann auffüllen, sinniert er, während er sich der Füllung widmet. Ergül und Karsass versuchen zu erklären und stellen fest: Alles ist leicht, wenn man es tut, ohne darüber nachzudenken. Die deutsche Sprache zu erklären ist viel schwerer, als sie zu sprechen, sind sie sich einig. Doch die Sprache sei ja nur eines der Probleme von Geflüchteten, wissen sie und erzählen von einer Aktion, an der sie im vergangenen Sommer teilgenommen hatten. „Während der Kieler Woche haben wir mit der Organisation Pro Asyl die Schiffsparade begleitet und mit einer anschließenden Flyer-Aktion auf die Probleme von Flüchtlingen auf ihrer gefährlichen Reise übers Wasser hingewiesen“, erklärt Karsass. „Das war richtig gut! Die Menschen waren interessiert und haben sogar Fragen gestellt“, ergänzt Ergül.

Manars Zuckersirup, der über das Thema Flucht ganz in Vergessenheit geraten ist, holt das Kochtrio zurück nach Kiel. „Das ist gerade nochmal gut gegangen“, erkennt Manar. Während Karsass den Reis für die Hauptspeise köchelt, nutzt Ergül einen unbeobachteten Moment und probiert. „Karsass! Da fehlt eindeutig Salz“, lautet ihr Urteil. Kurzerhand würzt sie selbst nach. Karsass ist sichtlich überfordert. Auch seine Reis-Nudel-Beilage will nicht so ganz, wie er sich das vorgestellt hat. Das bemerkt auch Manar. „Also, wenn ich mich mit etwas auskenne, dann mit Reis“, mischt sich nun auch der Nachtischkoch in die Hauptspeise ein. Butter und Wasser helfen immer, sagt er. „Und ein Deckel fehlt auch“, meint Ergül und zaubert einen aus dem Küchenschrank. „Auf jeden Topf passt auch ein Deckel“, grinst sie. „Das Sprichwort gibt es auch in Syrien!“ Manar lacht, und spätestens jetzt ist das Eis zwischen allen gebrochen.

Während Karsass seine Hauptspeise anrichtet, wird der Nachtisch noch schnell frittiert und im Zuckersirup gebadet. Manar zückt sein Handy und verschickt schnell ein Bild von seinem Werk. „Für meine Schwester“, begründet er. Und ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Sie ist zufrieden. Während die drei sich durch die Gerichte probieren, sprechen sie über den Ramadan. Sowohl Ergüls Suppe als auch Manars Nachtisch sind typische Fastengerichte. „Der Ramadan richtet sich nach dem islamischen Mondkalender und verschiebt sich deshalb jedes Jahr. Vor allem im Sommer, wenn die Tage so lang sind, ist Fasten sehr anstrengend“, weiß Ergül. „Da muss man spätabends richtig viele Kalorien zu sich nehmen.“ Dass Fasten rein gar nichts mit Diäthalten zu tun hat, beweist auch Manars Kalorienbombe.

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