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23. August 2019

Die Küche als Künstlertreff

Mit Show-Talent aus Ghana, syrischem Sinn für Kunst und schöne Dinge und französischem Temperament wurde diese internationale Kochrunde in Hannover ein multikulturelles Happening, bei dem es ziemlich laut, sehr lebhaft und ausgesprochen lustig zuging.

Die Küche als Künstlertreff

Mit Show-Talent aus Ghana, syrischem Sinn für Kunst und schöne Dinge und französischem Temperament wurde diese internationale Kochrunde in Hannover ein multikulturelles Happening, bei dem es ziemlich laut, sehr lebhaft und ausgesprochen lustig zuging.

Lewis Lovely Asamoah

Die Familie von Lewis Lovely stammt aus Ghana. „Ich bin der jüngste und der erste meiner drei Geschwister, der hier geboren wurde!“ Fußballfans ist sein berühmter Bruder Gerald Asamoah sicherlich ein Begriff. Auch Lewis hat eine Karriere als Profi-Fußballer gestartet, ist aber auch ein talentierter Schauspieler. In Hannover wird aktuell sein erster Film „Malak“ gedreht, in dem Lewis sehr überzeugend einen gewalttätigen Familienvater spielt. „Erst bin ich böse, aber später auch lieb“, erzählt er. Gut so, hat ihm doch seine Mutter den zweiten Vornamen „Lovely“ gegeben, der wirklich zu ihm passt.

May Richi

Mit May steht eine Künstlerin am Herd, und das bezieht sich nicht nur auf die Küche. Sie ist Kunstmalerin und Grafikdesignerin und leitete in Damaskus ihre eigene Werbeagentur. Aber auch in Hannover, wo sie seit 2015 mit ihrem Mann, einem IT-Spezialisten, und ihrem Sohn lebt, hat May bereits erfolgreich Fuß gefasst. Sie hat in Rekordzeit Deutsch gelernt, besitzt wieder ein eigenes Atelier und freut sich demnächst auf eine Ausstellung ihrer Porträtmalerei. May erzählt, dass sie Vegetarierin ist und daher immer nach geeigneten Rezepten sucht. In der Mittelmeerküche wird sie meist fündig.

Séverine Jean

Séverine hat in Hannover Betriebswirtschaft und Fremdsprachen studiert, ging wieder nach Frankreich und kam zurück, um zu bleiben. Früher im internationalen Management tätig, hat sie sich letztes Jahr umorientiert und arbeitet nun hauptberuflich als Projektleiterin in einem bundesweit tätigen Netzwerk für Migranten und gegen Rassismus. Als typische Französin aus Paris versteht sie eine Menge von gutem Essen und kann viel über die Esskultur in ihrer Heimat erzählen. „Meine Mutter hat immer viel gekocht und es mir beigebracht. Diese Crêpes konnte ich schon mit fünf Jahren selbst backen.“

Heute wird bei Marleen gekocht. Sie ist eine gute Freundin von Séverine und Lewis und hat spontan gesagt: „Kommt alle zu mir!“ Séverine erscheint ganz außer Atem. Sie hat vergeblich versucht, für ihre Crêpes noch eine Zutat aufzutreiben, eine typisch französische, leicht salzige Karamellbutter. „Aber egal, in Deutschland kann man auch Konfitüre oder Nuss-Nugat-Creme als Topping nehmen“, sagt sie lachend und will sofort mit ihrem Dessert beginnen. Dem setzen die Wände jedoch Grenzen. Die Küche der liebenswürdigen Gastgeberin ist für Singles oder ein Pärchen zugeschnitten.

Also der Reihe nach. Die drei Köche aus Ghana, Syrien und Frankreich setzen sich um den kleinen Tisch und starten ihr Teamwork. Zuerst werden Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer und Bananen für Lewis‘ Vorspeise geschält und klein geschnitten. Lewis hat ein ganzes Bündel afrikanische Kochbananen mitgebracht und erzählt, dass in Ghana seine Vorspeise „Kelewele“ so populär ist wie hierzulande die Currywurst, es gibt sie bei jedem Straßenhändler. Die Bananen müssen von außen dunkel sein, dann sind sie innen genau richtig: gelb, reif, süß und weich. Séverine kennt Kochbananen oder „plantain“ aus Ecuador, und die beiden tauschen sich lebhaft über die vielen Verwendungsmöglichkeiten aus. Beim Würzen wird lange diskutiert, denn besonders Chili erfordert Fingerspitzengefühl. Das ganze Team schmeckt ab. Afrika und Syrien sind für scharf, Frankreich mag es milder. „Man kann würzen, wie man will, schärfer, milder oder auch mit Kümmel und Muskatnuss“, sagt Lewis und empfiehlt: „Immer gut abschmecken.“

Während die Bananen marinieren – wenn es länger dauert, im Kühlschrank, damit sie nicht braun werden –, übernimmt May die Regie und lässt alle Koriander und Knoblauch schneiden. Ihr Rezept, die „Verbrannten Finger“, ist typische Hausmannskost aus Damaskus, erzählt sie, und dazu gibt es eine berühmte Geschichte: „Eine Frau kocht schnell etwas für ihren Mann, der hungrig nach Hause kommt. Neugierig steckt er seinen Finger in den Topf. Dafür muss er büßen, denn das Essen ist heiß, aber schmeckt dann sehr lecker.“ Sie hat zu Hause schon die Zutaten vorbereitet, die mehr Zeit erfordern. Das Tamarindenmus, die Zwiebeln und die Röstbrotstücke sind bereits fertig. Lewis nascht mit den Fingern von den frittierten Zwiebeln und kann froh sein, dass sie nicht heiß sind. In Ermangelung einer Knoblauchpresse quetscht May die Zehen mit einem Messerrücken. Alle sind sich einig, dass sie Koriander mögen. Wer anderer Meinung ist, kann alternativ auch Petersilie verwenden, aber der Geschmack ist dann natürlich weniger intensiv.

Lewis erzählt von seinen Dreharbeiten, während May am Herd steht und im Linsentopf rührt. Das Tamarindenmus macht alle neugierig. May erklärt: „Wir trinken es in Syrien im Sommer mit Zucker, als Saft.“ Lewis darf probieren und wird noch lustiger. Der säuerliche Fruchtsirup ist offensichtlich lecker. Elegant wie Balletttänzer bewegen sich die drei Köche in Marleens Küche, die eigentlich eine Spur zu eng für diesen Hochbetrieb ist. Lässig röstet Lewis seine Bananen, und May verrät, dass man die „Verbrannten Finger“ warm oder kalt essen kann: „Ich mag es gerade im Sommer lieber kalt. Außerdem kann man die Linsen besser dekorieren, wenn sie etwas abgekühlt sind, weil die Brotstückchen knusprig bleiben.“ Sie dekoriert ihr Hauptgericht so schön und liebevoll, dass alle in Bewunderungsrufe ausbrechen. Da zeigt sich eben die bildende Künstlerin. Auch Séverine ist bester Stimmung und doziert darüber, was gute französische Crêpes ausmacht. Kinder sind nicht dabei, daher erklärt sie: „Rum ist das Elixier für diesen Teig.

Und ganz wichtig: keine Butter und bloß kein Wasser.“ Ihr besonderer Trick ist das Verstreichen des Öls in der Pfanne mithilfe eines halbierten Apfels. Und sie zeigt, wie sie schwungvoll die Crêpes in die Luft wirft und dreht. Allerdings muss die Crêpespfanne dazu schön leicht sein, sonst droht ein Tennisarm. Eigentlich sind die Gäste schon satt, als die süßen Köstlichkeiten aus der Küche kommen. Aber sie sehen so lecker aus, dekoriert mit selbst gemachter Erdbeerkonfitüre, dass alle gern zugreifen. Gefeiert wurde dann auch noch etwas länger.

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