Kochen, klönen, Kunst machen
Jeden Dienstag heißt es im hannoverschen Kulturzentrum Roderbruch: Treffpunkt Community-Café. Es wird getöpfert, geredet, gelacht – und manchmal auch gekocht. Am Herd stehen Sophie, Nazima und Hanae und lassen sich in die Töpfe gucken.
Foto(s): Frederik Röh
Sophie Yeaman
Sophie ist eine waschechte Schottin. Ihre Heimatstadt Dundee glänzt durch überragendes Design. Ihren Bachelor of Music machte sie in Aberdeen, den Master für internationales Eventmanagement in Edinburgh. In Rom, wo sie zwei Jahre als Englischlehrerin arbeitete, lernte sie ihren deutschen Mann kennen. Mit ihm lebt sie seit einem Jahr in Hannover und arbeitet in der Besucherabteilung des Opernhauses. „Der richtige Ort!“, freut sich die studierte Musikerin. „Hier kann ich mir alle Generalproben kostenlos ansehen.“
Nasiva Azimi
Seit zehn Jahren ist Nasiva in Hannover zu Hause. Sie hat fünf Kinder und sechs Enkelkinder und kocht oft für ihre große Familie. Auch die Frauen, die mit Nasiva am Töpferkurs im Kulturzentrum Roderbruch teilnehmen, sind von ihren Kochkünsten begeistert. „In meiner Heimat Afghanistan ist Gastfreundschaft ein Teil unserer Tradition“, sagt Nasiva, „Gästen wird immer reichlich aufgetischt.“ Heute macht sie die köstlichen Teigtaschen Mantu. Sieht man ihren mitgebrachten mehrstöckigen Topf, ahnt man schon, dass es davon viele geben wird.
Hanae Allouch
„Marokkos Küche gehört zu den vielfältigsten der Welt“, schwärmt Hanae. Sie kommt aus dem Norden des Landes, wo viele Gerichte spanisch beeinflusst sind, weil die Region am Mittelmeer lange Jahre unter spanischem Protektorat stand. Die Ingenieurin für Telekommunikation ist ihrem Mann gefolgt, der für einen Job nach Hannover berufen wurde. Die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Studienzeit. Hanae freut es, dass sie das Community-Café entdeckt hat, wo sie neue Freundschaften schließt und mit dem Töpfern ein tolles Hobby gefunden hat.

Vor drei Jahren hatte Maria Garcia (2.v.r. auf dem großen Foto) die Idee, ein Community-Café ins Leben zu rufen. Das Kulturzentrum, das im Stadtteil Roderbruch in Hannover schon seit 40 Jahren existiert, war dafür der richtige Ort. Das Angebot sollte sich vor allem an Mütter mit kleinen Kindern richten. Dort, wo geklönt, gekocht und kreativ gearbeitet wird, sagte sich Maria, ist es leichter, Kontakt zu finden, sich auszutauschen, zumal zwei Drittel der Frauen hier eine Zuwanderungsgeschichte haben. Die Künstlerin weiß, wie schwer es ist, Kontakt in einer neuen Stadt zu finden. Die vierfache Mutter kam vor sechs Jahren aus Uruguay mit ihrem deutschen Mann nach Hannover. Das Projekt war so erfolgreich, dass Maria letztes Jahr mit dem Integrationspreis des Stadtbezirks ausgezeichnet wurde. Seit März ist sie fest im Kulturzentrum angestellt und schiebt weitere Projekte an. An diesem Dienstag geht es besonders trubelig zu. Die Ankündigung, dass heute Frauen aus ihrer Community kochen werden, hat besonders viele herbeigelockt. Einige gönnen sich noch ein Frühstück und klönen, andere sind im Atelier und widmen sich ihren Töpferarbeiten. „Hier ist alles ganz zwanglos“, sagt Maria. „Ich sehe, wie viel Freude die Frauen an ihrer kreativen Arbeit haben und wie gut sie ihnen tut.“ Einmal im Jahr wird eine Ausstellung veranstaltet, in der jede Frau ihr bestes Werk präsentiert.

Die drei Köchinnen haben ihre Einkäufe ausgepackt. Vor Nasiva liegen reichlich Knoblauch, Zwiebeln, Tomaten, Paprikaschoten und dicke Koriander- und Petersilienbunde. Wird das nicht ewig dauern, bis die vielen Zutaten im Topf sind?
Wer das fragt, wird schnell eines Besseren belehrt. Ruck, zuck rückt Nasiva dem Gemüse zu Leibe, hackt, schnippelt und mischt das Fleisch mit Gewürzen in Windeseile. „Du bist ja ein Profi“, stellt Hanae bewundernd fest. Nasiva muss lachen: „Ich koche so oft und so viel – reine Routine.“ Sophie knetet bereits den Teig für ihre Haferkekse. Das Rezept stammt von ihrer Großmutter, von der sie sich ein bisschen das Kochen abgeschaut hat. Sie erklärt: „Bei uns dürfen die Oatcakes in keinem Haushalt fehlen. Auch in den Supermärkten und Lebensmittelgeschäften gibt es eine schier endlose Auswahl an verschiedenen Haferkeks-Variationen. Sie werden belegt mit gesalzener Butter, Cheddar, Räucherlachs, saurer Sahne oder auch Marmelade und Chutney. Sie sind begehrte Appetizer oder Snacks.“
Hanae beschäftigt sich inzwischen mit der Herstellung der Karamellsoße für ihren Mandelpudding. Die Pfanne auf dem Herd muss richtig heiß sein, damit der Zucker karamellisieren kann. „Dieser Mandelpudding steht nur in Nordmarokko auf dem Speisezettel. Das Dessert haben die Spanier mit ins Land gebracht“, erklärt sie. Mit flüssigem Karamell hat Hanae den Boden der braunen Keramikform bedeckt, ihn abkühlen lassen und dann die Mandelmischung hineingegossen. Jetzt braucht das Dessert eine ganze Weile im Ofen, damit der Flan fest werden kann.
Eine kleine Gruppe hat sich inzwischen um Nasiva geschart. Die Frauen wollen zuschauen, wie sie den Teig verarbeitet. Ihr Geschick wird lauthals bewundert. Erst bearbeitet sie Teigstücke mit der Kuchenrolle, dann zieht sie mit den Händen den Teig immer dünner, bis er durchsichtig wie ein Strudelteig ist. Nun schneidet sie Rechtecke zu, gibt ein wenig Hackfleischmischung auf jedes Teigstück und formt sie zu Teigtaschen. Im unteren Teil des dreistöckigen Topfes siedet bereits das Wasser. Die Teigtaschen kommen in den mittleren und oberen Stock des Topfes, dessen Boden Löcher hat, sodass die Delikatesse im Dampf garen kann. Die Soße, die aus einer Mischung aus geschmorten Tomaten, Paprika und Kichererbsen sowie reichlich Gewürzen besteht, ist auch schon fertig. Nach 45 Minuten sind die Teigtaschen gar, und Nasiva kann mit dem Servieren beginnen. Auch Sophies Haferkekse, die sie mit Lachs, Käse und Paté belegt hat, stehen bereit. Hanae hat ihren Flan gestürzt und mit Früchten und Mandeln verziert. Der große Schmaus kann beginnen.
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