Die Sprache des Kochens
„I am fertig with this.“ Sabina aus Polen lernt fleißig Deutsch und mischt zu gern die Sprachen. Genau so macht es Rocky aus Indonesien. Und Salam aus dem Irak hat bei dieser Kochrunde sogar einen Dolmetscher dabei. Sprachbarrieren hin oder her: Kochen versteht jeder, und alle rücken zusammen.
Foto(s): Henrik Matzen
Sabina Jockheck
Wenn Sabina das Essen für mehr als 200 Gäste in der Jugendherberge Büsum vorbereitet, sieht die Polin ganz ernst und konzentriert aus. Aber ziemlich schnell fängt die 42-Jährige an zu lachen, denn sie ist ein fröhlicher und offener Typ. Ihr erster Beruf war Schiffsoffizierin. Ihr Mann war früher ihr Chef. „Wir haben in einem Offshore-Windpark in der Nordsee zusammengearbeitet.“ Beide haben sich dann in den Ort Büsum verliebt und leben nun glücklich am Meer. Ab und zu kocht Sabina Rezepte aus ihrer Heimat – wie heute.
Rocky Lepa
Wie kommt ein Indonesier nach Büsum? Ganz einfach: Indem er in seinem Heimatland plötzlich eine schöne Touristin aus Büsum kennenlernt, sie kurzerhand heiratet und nun mit ihr im Kohlköpfe-Land Dithmarschen lebt. Rocky ist glücklich hier und arbeitet gut gelaunt als Reinigungskraft in der Jugendherberge. „Früher habe ich schon ‚housekeeping‘ in einem Resort in Indonesien gemacht. Das habe ich gelernt auf einer Berufsschule.“ Jeden Tag übt der 32-Jährige die deutsche Sprache. Und für seine Frau kocht er tolle Rezepte aus Asien.
Salam Almayan
„Ich bin 37 Jahre, komme aus Basra aus dem Irak und bin ledig.“ Salam grinst, und alle in der Runde müssen lachen. Richtig gut Deutsch kann er noch nicht, aber die Wörter „ledig“ und „Single“ hat er neu in seinen Wortschatz aufgenommen. Tatsächlich wäre Salam eine gute Partie: Er ist gelernter Automechaniker und zusätzlich Koch. Heute zaubert er eine leckere Nachspeise aus seiner Heimat. Ansonsten bekocht er seit knapp vier Jahren die Gäste in der Jugendherberge Friedrichstadt. Sein größter Fan ist seine Chefin Sarah Huber.

Es ist früher Nachmittag in der Jugendherberge Büsum. In der großen Küche herrscht jetzt gerade mal ein wenig Ruhe. In zweieinhalb Stunden geht es hier wieder rund, denn dann müssen 220 große und kleine Gäste bekocht werden. Die zeitliche Lücke wird genutzt für die internationale Kochrunde von Hierleben. Am Start sind Sabina aus Polen („Ich mach‘ die Vorspeise, und zwar mit Sauerkraut. Das wird gern in meiner Heimat gegessen.“), Rocky aus Indonesien („Ich mach‘ die Hauptspeise: Hähnchen und Nudeln mit sehr vielen Gewürzen.“) und Salam aus dem Irak, der für die Nachspeise zuständig ist. Dafür wird Mascarpone in Grießteig eingewickelt und mit Pistazien garniert. Alle drei arbeiten in den Jugendherbergen Büsum und Friedrichstadt. „Herbergsmütter“ Cathrin Piel und Sarah Huber, die sich die Kochshow nicht entgehen lassen wollen, und Dolmetscher Rashid aus Syrien – er hilft seinem Kumpel Salam, alles besser zu verstehen. Große Runde also

Große Runde also und große Erwartungen. Die drei sind anfangs noch etwas still und stürzen sich quasi in die Arbeit. Sabina brät für die Füllung ihrer herzhaften Pfannkuchen Champignons und Zwiebeln in der Pfanne an. Rocky bereitet seine spannenden Gewürze wie Kemiri, Zitronengras, Kaffir- Limettenblätter und Sternanis vor. Und Salam hat in Nullkommanichts seinen Teig für die Nachspeise fertig und zieht ihn mit einer Gabel in die Höhe. Ja, jetzt hat er die richtige Konsistenz. Seine Chefin Sarah Huber aus Friedrichstadt erzählt ein bisschen über ihren Schützling aus dem Irak: „Er kann so toll kochen. Wenn er mal zwei, drei Tage frei hatte, dann bringt er uns etwas mit, und wir freuen uns immer so darüber. Er wird auch unser Weihnachtsessen in der Herberge machen.“ Salams Tattoos wurden von seiner Chefin gestochen, denn das ist ihr Hobby. Auf seinem Nacken leuchtet die arabische Sonne, hinter dem Ohr lugt ein Glaubenstattoo hervor. Während wir erfahren, dass Salam gern reist und Netflix guckt, improvisiert der gelernte Koch mit einer Wasserflasche, um den Teig auszurollen. Kein Problem für ihn, dass ein Nudelholz gerade nicht auffindbar ist.
Auch Rocky erzählt beim Anbraten des Hähnchenfleischs von seinem Heimatort Manado in Indonesien. Mal spricht er Deutsch, mal Englisch. „Als ich hierherkam, war ich geschockt, dass die Sonne im Sommer so spät untergeht. In Indonesien geht sie immer um sechs unter. Jeden Tag.“ Die Temperaturen liegen in seinem Heimatland zwischen 25 und 35 Grad. Wind, Kälte oder auch Schnee wie hier in Norddeutschland sind absolut neu für den 32-Jährigen. „Aber ich mag Schnee“, ruft Sabina von der anderen Seite der Küche herüber. „Ich liebe den Winter.“ Sie kommt aus der Nähe von Danzig, ist aber nicht mehr oft in ihrer Heimat. „Meine Mutter kommt gern rüber.“ Welches deutsche Essen sie gern mag, wollen die anderen wissen. „Kartoffelpüree und Schnitzel. Und Käsespätzle.“ Die Pfannkuchen hat sie nun fertig und befüllt sie mit Sauerkraut und Champignons. „I am fertig with this.“ Die Polin lacht über ihr eigenes Kauderwelsch.
Es geht zackig voran bei dieser Kochrunde. Schon nach gut eineinhalb Stunden decken alle gemeinsam den Tisch im Raum der Jugendherberge. Herbergsmutter Cathrin Piel hilft, wo sie nur kann. Man merkt: Das Arbeitsklima hier ist geprägt von gegenseitigem Verständnis, von Humor und ganz viel Respekt allen Kulturen gegenüber. Rocky freut sich über die große Tafel mit den vielen Tellern: „Die reichen Leute bei uns in Indonesien essen auch an großen Tischen. Ich komme aus der Lower Class. Da ist es nicht so. Wir essen auch mit der Hand.“ Salam ist offensichtlich froh, dass er heute vor all den Leuten mal nicht seine verwendeten Zutaten auf Deutsch aufzählen muss. Normalerweise zwingt ihn seine Chefin immer dazu – natürlich mit einem Augenzwinkern. Alle setzen sich nun zusammen hin und genießen den internationalen Gaumenschmaus. Auch wenn nicht immer jeder dem anderen Wort für Wort folgen kann: Die Sprache des Kochens, die verstehen tatsächlich alle.
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