Perfektes Teamwork
„Wir zeigen euch unsere Lieblingsrezepte“, versprechen die drei Hobbyköchinnen aus Japan, Kasachstan und dem Iran und schwärmen von der traditionellen Küche ihrer alten Heimat.
Nozomi Eichler
Nozomi ist in der Küche quasi ein Profi: Sie ist gelernte Konditorin. Hier in Deutschland arbeitet sie in einer ganz anderen Branche, im Controlling eines großen Unternehmens. Sie stammt aus der Olympiastadt Nagano und hat ihren deutschen Mann in Australien kennengelernt, bei „working holiday“ auf einer Bananenfarm. Eigentlich wollte das Paar in Japan bleiben. Nach dem Erdbeben in Nord-Japan haben sich die beiden aber für Hannover entschieden, wo Nozomis Mann gerade sein Studium beendet hat. Nozomi hat in Rekordzeit Deutsch gelernt und Wirtschaftsinformatik studiert. Sie kocht sehr gern, nicht nur japanisch.
Nima Moraghebi
„Ich bin eine freiheitsliebende Frau, die das Leben genießen möchte“, sagt Nima. Daher hat sie vor 27 Jahren ihre Heimat Teheran verlassen. Abitur und Kunststudium wurden in Deutschland nicht anerkannt. Beim Neustart entschied sich die Kulturexpertin für das Fach Erwachsenenbildung. In Hannover arbeitet Nima in der Stadtverwaltung und erfreut sich am Leben in der Stadt. „Ich liebe Erlebnisse und vor allem die kulturelle Vielfalt, die große Städte bieten.“ Kochen kann sie gut, sagt sie, aber noch viel mehr schätzt sie „gute Restaurants und den Genuss, jeden Abend mit meinem Partner unterwegs zu sein“.
Irina Badewitsch
Irina ist erst vor Kurzem mit Michael, dem jüngeren ihrer beiden Söhne, in ihre neue Wohnung gezogen, sodass die neue, perfekt eingerichtete Küche heute das erste Mal richtig unter Dampf steht. In Kasachstan war sie in der für den Kohlebergbau bekannten Stadt Karaganda zu Hause, bevor die ganze Familie in den 1990er-Jahren als Spätaussiedler nach Hannover zog. Beruflich umgibt sich Irina mit schönen Dingen: Ursprünglich Bibliothekarin, arbeitet sie seit einigen Jahren als Gutachterin in einem renommierten Auktionshaus. Bunte Magnettafeln am Kühlschrank zeigen, wo sie beim Wandern in der Freizeit schon überall gewesen ist.

Nima aus Teheran verspricht: „Mein Dessert heißt zwar ‚Reispudding’, aber eigentlich ist er ein Gedicht.“ Irina möchte die wohl bekannteste Suppe des Ostens kochen, russischen Borschtsch, der auch in ihrer Heimat Kasachstan sehr populär ist. „Ich liebe Borschtsch. Und er ist so praktisch. Meine Oma hat immer gesagt: Alles, was an Gemüse da ist, kann in den Borschtsch.“

Alle drei Damen leben schon lange in Hannover, haben sich aber erst hier, in Irinas Küche, kennengelernt. Ein internationales Treffen, das hervorragend funktioniert. Interessiert wird begutachtet, was die anderen an Zutaten auf den Tisch bringen. Man tauscht sich aus, die Lau- Hier und wir ne ist bestens, und es wird sehr viel gelacht. Nozomi möchte frittiertes Gemüse zubereiten und hat wie Irina viele Zutaten eingekauft. Los geht’s also mit dem gemeinsamen Schnippeln. Irinas große Gemüsereibe, mitgebracht aus Kasachstan, erregt Aufsehen. Sie ist ungeheuer praktisch – alle wollen sie haben und fragen gleich nach den Einkaufsquellen. Auf dem Herd kocht bereits das Fleisch. Nima widmet sich erst einmal ihrem Reis. „Er muss gründlich gewaschen werden.“ Zu Hause hatte sie ihn schon über Nacht in Wasser eingeweicht. Nun knetet sie ihn mit bloßen Händen kräftig durch, denn die Reiskörner sollen etwas gebrochen werden. Das Waschwasser wird danach weggegossen und der Reis mit frischem Wasser zum Kochen aufgesetzt.

Theoretisch müsste zeitgleich das Fleisch für den Borschtsch auf dem Herd vor sich hin köcheln. Aber Irina hat die Fleischeinlage und die Brühe bereits am Vorabend zubereitet. Plötzlich zieht sie sich Gummihandschuhe über. Alle gucken erstaunt, verstehen dann aber sofort: Wer Rote Bete reiben will, die übrigens nicht geschält werden müssen, wählt besser die Schutzkleidung, sonst wird man die rote Farbe icht mehr los. Ja, für Borschtsch muss viel geschnitten und geraspelt werden. Aber Irina meint: „Das geht doch alles ganz schnell! Wenn die Brühe schon fertig ist, kommst du von der Arbeit und machst das – zack, zack, zack!“ Da zeigen sich die verschiedenen Mentalitäten. Während Irina energisch durch die Küche wirbelt, sitzt Nozomi entspannt am Tisch und wälzt sorgfältig das Gemüse, Stück für Stück, in der Mehlmischung. „Das macht besonders Kindern immer viel Spaß, dabei zu helfen“, erzählt sie und erwähnt noch, dass sie glutenfreies Mehl verwendet, weil das Ergebnis knuspriger wird.

Nimas Reis ist inzwischen weich gegart. „Jetzt rühren wir den Zucker ein, und dann muss ich aufpassen und immer weiter rühren, damit nichts anbrennt.“ Auf der anderen Herdplatte brät Irina ihr Gemüse in einer Pfanne an. Perfektes Teamwork. Viel Gesprächsstoff liefern die verwendeten Gewürze. Nozomi und Irina hören interessiert zu, als Nima ihnen etwas über die Bedeutung von Rosenwasser, Safran und Zimt in der persischen Küche erzählt. Safran ist ein sehr wertvolles Gewürz, das aus den roten Stempelfäden der Safranpflanze gewonnen wird. Nima kauft immer die Fäden, nicht das fertige Pulver, weil sie so die Qualität besser beurteilen kann, und pulverisiert sie dann im Mörser. Als sie die Safranmischung und das Rosenwasser in den süßen Reis gerührt hat, dürfen alle kosten.

Tempura, Nozomis Vorspeise, sollte warm oder noch besser heiß gegessen werden. Daher hat sie den Herd nun, als die Suppe und der Reis servierfertig sind und nur noch dekoriert werden müssen, exklusiv für sich zur Verfügung. In einem extra mitgebrachten Topf erhitzt sie das Frittieröl und verrät einen Trick: Wer kein Thermometer hat, lässt einen Klecks Teig in das Öl tropfen. Wenn er nicht absinkt, sondern im Öl schwebt, ist die Temperatur von etwa 170 Grad erreicht. Mit einer hitzebeständigen Zange lässt sie die Gemüsestücke vorsichtig in das Öl gleiten und holt sie dann ebenso sorgfältig wieder heraus. Sehr viel Handarbeit, die sich aber lohnt. Das Ergebnis sind ästhetisch angerichtete Leckerbissen, die von den Anwesenden begeistert vernascht werden. Der rote Borschtsch duftet köstlich und wird restlos verputzt, auch wenn Irina meint, dass er aufgewärmt am zweiten Tag noch viel besser schmeckt. Nimas Reispudding ist optisch ein Gemälde: Sie hat mit Mandeln, Pistazien und Zimt eine sehr kreative Dekoration gezaubert. „Iraner verzieren alles gern, auch das Essen“, sagt sie. Und der Geschmack ist wirklich ein Gedicht.