Bunt, entspannt und lecker
Carmen Reichert und die Brüder Tai und Leo Kebernik haben weitaus mehr gemeinsam als ihr Engagement in einer Kirchengemeinde in Hamburg, wo sie sich kennengelernt haben. Alle drei pflegen ihre multikulturellen Wurzeln – natürlich auch beim Kochen.
Foto(s): Frederik Röh
Tai Kebernik
„Als ich klein war, hat meine Mama mich während des Kochens im Hochstuhl neben den Herd gesetzt.” So erinnert Tai Kebernik sich an sein Aufwachsen mit gutem Essen. Die Mama ist in England groß geworden; ihre Mutter stammt aus Montego Bay in Jamaika. Die jamaikanische Küche hat Tai geprägt. Er liebt Currys und die Streetfood-Traditionen. Während seines Gamedesign-Studiums hat der 30-Jährige vier Jahre lang in Berlin gelebt. Nun ist er zurück in seiner Heimatstadt Ahrensburg und arbeitet als Designer im Bildungsbereich.
Carmen Reichert
Ihre Mama kommt aus dem brasilianischen Pétropolis. Mit ihrer Tochter spricht sie nur Portugiesisch. Alle drei bis vier Jahre reist Carmen Reichert nach Brasilien. Schon als Schülerin war sie für drei Monate dort; nach dem Abitur blieb sie länger, besuchte Sprachkurse und jobbte bei einem Schulbuchverlag und einer Sprachschule. Ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau und ihr Studium in Kommunikation und Tourismus führten die 30-Jährige nach Hamburg, wo sie als Junior Consultant in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft arbeitet.
Leo Kebernik
Der 27-jährige Leo Kebernik ist der Bruder von Tai. Beide sind mit Englisch und Deutsch aufgewachsen. Leo lebt in Hamburg und arbeitet als Theater- und Fernsehschauspieler. Etwa alle zwei Jahre trifft er seine englische Familie in London und in den Midlands. Die familiäre Kreativität und die Internationalität haben ihn stark geprägt. Sein Papa hat russisch-ukrainische Wurzeln. Zu Hause gab es mindestens einmal pro Woche etwas mit Kartoffeln, und an Festtagen klassische englische Gerichte wie Sunday Roast oder Mince Pies.

Dass Carmen, Tai und Leo geübte Köche sind, merkt man schnell. Routiniert werden Chili- und Paprikaschoten mit scharfen Messern fein zerteilt – und es wird eine zentrale Sache geklärt: „Habt ihr auch ein Zwiebelbrett?”, fragt Carmen und schiebt hinterher: „Ich bin so aufgewachsen: Wir hatten immer ein Brett extra zum Zwiebelschneiden.” Leo schält derweil die Äpfel für den Nachtisch. Es gibt Apple Crumble, einen Klassiker der britischen Küche. Leo verrät: „Als ich zwölf Jahre alt war, wollte ich Konditor-Weltmeister werden.” Damals hatte er gerade schon ein eigenes Backbuch herausgebracht. Die Liebe zum Backen ist geblieben, auch wenn Leo sich beruflich der Schauspielerei verschrieben hat. „Ich mag es, dass man sich beim Backen bewusst Zeit nimmt”, erklärt der junge Mann und fügt hinzu: „Das Backen verändert die Stimmung für den ganzen Tag.” Leo wiegt den Zucker exakt ab. Das ist wichtig, denn davon darf auf keinen Fall zu viel im Crumble landen.

Carmen vermengt Gurken, Paprika und Zwiebeln mit Olivenöl und Salz. Die Vinaigrette für ihr Beef Stroganoff soll noch etwas im Kühlschrank durchziehen, während Carmen Champignons und Rindergeschnetzeltes für den Schmorprozess vorbereitet. „Das Gericht ist typisch für die Heimat meiner brasilianischen Mama”, verrät sie. Der Küchenklassiker wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von russischen Einwanderern importiert und reiht sich prima ein in die kulinarischen Traditionen Brasiliens. „Es gibt viel Fleisch und eigentlich immer Reis”, erklärt Carmen. Überhaupt spielt Essen eine große Rolle im brasilianischen Alltag: „Wenn man sich trifft, wird gegessen!” In Carmens kleiner Küche wird jetzt ordentlich gewerkelt. Leo öffnet kurz die Backofentür und schaut nach seinem Crumble. „Oh, riecht das toll!”, ruft Carmen und fragt in die Runde: „Mögt ihr eigentlich alle Koriander?” Zum Glück nicken alle, denn er verleiht ihrer Vinaigrette eine besondere Note. Tai bringt seinen Pfanneninhalt ordentlich zum Brutzeln: Für seine jamaikanischen Teigtaschen brät er Rinderhackfleisch mit Gewürzen und nicht zu knapp Chili an. „In Jamaika isst man gerne scharf”, erklärt er. Für die Jamaican Patties hat Tai sich entschieden, weil Teigwaren ebenso fest in der jamaikanischen Küche verankert sind wie Suppen. Außerdem gehören die üppig gefüllten Teilchen auch in seiner Familie zum Standardrepertoire.
Das Tempo in der Küche zieht an. Alle Platten des Herdes werden bespielt. Es duftet, zischt und blubbert. Fast ein wenig verliebt blickt Leo auf seinen schon fertigen Crumble. Er scheint zufrieden zu sein und erläutert: „Heute essen wir den Crumble mit Vanilleeis. Alternativ gibt’s dazu traditionellen Custard. Der ist so ähnlich wie Pudding, aber nicht ganz so dickflüssig.” Tai verteilt seine würzige Hackmischung auf die ausgerollten Teigplatten. Er meint es sehr gut mit der Füllung, drückt mit einer Gabel gleichmäßige Muster auf die Ränder der Teigtaschen, damit sie gut halten, und sticht sie mehrmals von oben ein. „Das mache ich, weil die Mischung recht feucht ist. Die Taschen brauchen deshalb ein Ventil”, erklärt er. Perfekt gelingt sein Gericht, wenn die Füllung noch saftig ist, der Teig aber trotzdem knusprig wird. 30 Minuten brauchen die Patties im Ofen, und damit sie schön goldbraun werden, pinselt Tai sie kurz vor Ende der Backzeit noch einmal mit dem restlichen Eigelb ein.
Schließlich geht alles ganz schnell. Carmen verteilt den Reis auf die Teller. Tais Teigtaschen glänzen, und der Crumble wird einfach schon mal parallel zur Vorspeise und zum Hauptgericht probiert. Carmens Esstisch gleicht einem kleinen Büfett. Spontan ist es so geworden, wie alle drei es aus ihrer Heimat kennen: bunt, entspannt und mit viel leckerem Essen.
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