Ich bin Künstlerin“, sagt Galina. „Auch beim Kochen werde ich von Farben inspiriert.“ Sie zeigt auf orangefarbene Möhren, die knallige Farbe von Roter Bete und das helle Gelb der Kartoffel. Rupali und Sepideh können locker mithalten. Ihre bunten Gewürze von Chili bis Koriander, von Safran bis Berberitzen wetteifern mit Galinas Farbpalette. Neben ihren Mitköchinnen sorgen Galinas beste Freundin Swantje und das Hierleben-Team für ein munteres Hallo. Auch Petra ist eingetroffen, Schülerin aus Galinas Zeichenkurs. Sie hatte ihr von den internationalen Kochrunden in Hierleben berichtet und zum Mitmachen angeregt.
Galina kennt Rupali und Sepideh von ihren Workshops „Tanz auf Papier“. Die beiden hatten vor den Kursteilnehmerinnen getanzt, die ergründen sollten, wie sich die Bewegung eines Tanzes, seine Dynamik und Energie auf Papier übertragen lässt. „Galina sorgt für ein einzigartiges und inspirierendes Lernumfeld“, sagt Petra. „Das kann nur jemand, der von Kunst beseelt ist.“ Galina schneidet währenddessen Hering in mundgerechte Stücke, raspelt Möhren und Kartoffeln und schichtet alles mit Mayonnaise und den anderen Zutaten übereinander. „Seht doch die Farben! Kochen und Kunst haben für mich mit Sinnlichkeit, Kreativität und Komposition zu tun, aber auch mit Strukturen, die ich beim Design einsetze.“ Die Kochmannschaft erfährt, dass „Hering unter dem Pelzmantel“ in Russland ein beliebtes Silvesteressen ist, mittlerweile aber auch zu vielen anderen Gelegenheiten serviert und als Begleiter zum Wodka geschätzt wird.
„Schaut, meine Gewürze“, ruft Rupali. Die Farbpalette erfreut die Augen, und herrliche Aromen von Chili, Kurkuma, Kreuzkümmel sowie Garam Masala steigen in die Nase. Doch was ist das weißliche Pulver, das Rupali als „Asafoetida“ bezeichnet? Selbst der Fotograf, der mehrmals in Indien war und für ein Buchprojekt hinter die Kulissen einer Bollywoodfilm-Produktionen schaute, ist der Name unbekannt. Das Gewürz mit dem deutschen Namen Asant oder auch Teufelsdreck ist ein Ersatz für Knoblauch und Frühlingszwiebeln aus der Familie der Doldenblütler. „Es riecht pur ein bisschen nach faulen Eiern“, erklärt Rupali. „Aber der Geruch verschwindet beim Erhitzen.“ Die Vegetarierin hat sich für ein Auberginencurry entschieden, das als Beilage zu Fladenbrot, Reis oder Dal serviert werden kann. Da es lange schmoren muss, hat sie es zu Hause bereits vorbereitet. Das Gericht stammt aus dem Bundesstaat Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist. Hier wuchs Rupali auf und verschrieb sich schon als Vierjährige dem Tanz. Kochen lernte sie ganz nebenbei, „denn Oma, Mama, Tanten und Nachbarinnen kochten den ganzen Tag. In den kleinen Wohnungen kam man immer am Herd vorbei.“
Sepideh rührt ihren Reispudding. Aus dem Kochtopf steigen Düfte nach Rosenwasser, Zimt, Mandeln und Kardamom auf. Der Safran sorgt für ein wunderbares Gelb. Sepideh, deren Name Morgendämmerung bedeutet, hat das Kochen ebenfalls von Oma, Mama und Tanten gelernt. Einen Trick hat sie sich für ihren Reis ausgedacht. Da sie den persischen Halbkornreis nicht bekam, hat sie die Basmatikörner mit dem Pürierstab etwas aufgebrochen, sodass die Flüssigkeit besser einziehen kann. „Es gibt keine persische Feier ohne Sholeh Zard, er wird immer in großen Mengen gekocht und auch an Nachbarn und Freunde verschenkt“, erzählt Sepideh, als sie sich der Deko mit Zimt, Mandelstiften, Pistazien, Berberitzen und Rosenblättern widmet. Vorspeise und Hauptgericht werden in der Küche serviert, das Dessert im Wohnzimmer. Swantje hat Kaffee gekocht. „Kaffeesatz unbedingt aufheben“, so Galina. „Getrocknet kann ich es für meine experimentellen Arbeiten verwenden.“ Bis auf Rupali, die zu einem Termin musste, sitzen alle noch lange zusammen, erzählen über Gott und die Welt und natürlich auch immer wieder vom Kochen und der Kunst.
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