Gekocht wird heute in Shelaghs Haus. Überall hängen Kunstwerke der Schottin, und die große offene Küche eignet sich bestens für die Kochrunde von Hier leben. Die drei Frauen legen sofort los und finden nebeneinander Platz am Herd. Susanne verrührt in einem großen Topf Hühnchen, Tomaten, Schalotten und Knoblauch. Shelagh röstet Haferflocken für die Nachspeise, und Agi kümmert sich um das Sauerkraut für ihre Teigtaschen. Die drei kennen sich von den Küstenladies, einem Verein, der mittlerweile fast 250 Frauen regelmäßig zusammenbringt und neue Freundschaften entstehen lässt (www.kuestenladies.de). Gemeinsam wird gekocht, Tennis oder Theater gespielt. Es geht auch darum, Gutes zu tun und zum Beispiel Projekte für Kinder zu unterstützen. „Ich bin da noch neu, aber ich mag die Verbundenheit“, erzählt Agi, während sie dem Sauerkraut mit Pfeffer „noch mehr Wumms“ gibt, wie sie es ausdrückt. „Bei den Küstenladies wird auch nach rechts und links geschaut. Und wer möchte, bekommt Hilfe im Alltag.“
Heute beim Kochen ist Zeit für Erinnerungen und Heimatgefühle. „Wenn ich Piroggen mache, bin ich eigentlich am liebsten allein. Dann kommt die Nostalgie“, sagt Agi. Sie erinnert sich daran, wie damals in Stettin sehr oft der Strom ausfiel und alle trotzdem in der Küche zusammensaßen, der Großvater mit der Hand weiter Eischnee schlug und die Kinder Hausaufgaben bei Kerzenlicht machten. „Schön war das irgendwie.“ Später halfen ihre eigenen beiden Töchter beim Teigzubereiten für die berühmten Piroggen. Auch Shelagh gibt zu, dass sie öfter Heimweh hat. „Diese Nachspeise, die ich heute mache, vereint für mich alles, was Schottland ausmacht. Schottischer Heidehonig, die Himbeeren, die bei uns wachsen, die Haferflocken und der Drambuie – all das erzeugt ein warmes Heimatgefühl.“ Susanne probiert ein Schlückchen des schottischen Whiskylikörs: „Hm, den haben wir früher getrunken. Der ist ja völlig aus der Mode gekommen.“
Sie selbst hat Noilly Prat mitgebracht. Der weiße Wermut kommt zusammen mit viel Sahne in den Topf. Der Hauptgang ist die spanische Variante des französischen Klassikers Coq au Vin. Das würzige Gericht, für das Susanne leckeres Kikok-Hähnchen mitgebracht hat, geht schön schnell und ist überraschend leicht zu machen. „Das einfache Leben mag ich auch auf Mallorca. Wenn wir alle mit der Familie dort zusammenkommen am großen Tisch. Alles ist dort so locker. Ich sag immer: Es ist mein Flipflop-Leben.“ Den kommenden Winter wird die Scharbeutzerin komplett auf der spanischen Baleareninsel verbringen. Shelagh schichtet inzwischen Haferflocken, Himbeeren und Whiskysahne in Gläser, und Susanne macht sich über die süßen Sahnereste in der Schüssel her. „Essen ist was Wunderbares“, sagt die 67-Jährige und seufzt. Im Gespräch über deutsche Köstlichkeiten einigt das Trio sich darauf, dass Fisch, Miesmuscheln und Krabben, Knödel, aber auch deutsches Brot absolute Highlights sind.
Während Susanne und Shelagh schon fertig sind mit der Zubereitung, knetet und formt Agi noch ihre Piroggen. Beim Ausrollen des Teigs kommt die Polin richtig ins Schwitzen. „Wo ist mein Ventilator? Und wo ist mein Glas Rotwein?“ Alle lachen. Hilfe möchte Agi trotzdem nicht. Akribisch drückt sie die Teigkanten zusammen und formt mit den Zinken einer Gabel ein hübsches Muster. Die Teigtaschen werden zunächst kurz gekocht und dann in der Pfanne angebraten. „Sie sind wirklich aufwendig. Ich mache sie für meine Familie immer zu Weihnachten. Jeder will sie essen, aber keiner möchte sie machen.“ Schließlich wird das internationale Drei-Gänge-Menü serviert. Alle haben etwas zu üppig gekocht, sodass noch etwas übrig bleibt für Shelaghs Ehemann und ihren jüngsten Sohn. So langsam geht ein ungewöhnlicher Kochabend zu Ende. Ein Abend, an dem alle viel Neues aus anderen Ländern erfahren durften. Ein Abend voller Erinnerungen. Und ein Abend, der ganz im Zeichen des Genusses stand.
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