Da liegt was in der Luft
Ein besonderer Duft ist es, der die Küche füllt, mit ordentlich Schärfe – Hallelujah! Wenn Inder kochen, dann wird die ganze bunte Palette der Gewürze verwendet. Dazu gibt’s schlichte, aber edel aufbereitete Schollenfilets im Dänemark-Style und süße Kochbananen aus Madagaskar. Mehr Gegensatz in einem Menü geht wohl nicht.
Foto(s): Frederik Röh, Henrik Matzen
Shiva Sangatala
Dieser Mann ist mit seinen 36 Jahren schon ganz schön viel herumgekommen in der Welt: geboren und aufgewachsen in Südindien, sechs Jahre in Australien gelebt, zwei Jahre in London und nun im Kreis Plön in Schleswig-Holstein angekommen. Shiva ist eigentlich ausgebildeter Informatiker, doch in den vergangenen Jahren hat er in der Gastronomie gearbeitet. „Kochen ist einfach meine Leidenschaft“, sagt er und stellt sein großes kulinarisches Können gern unter Beweis. Mitgebracht hat er frisches Lammfleisch und viele bunte Gewürze.
Christian Weiler
Zugegeben: Wir haben die Nationalität in diesem Fall weit ausgelegt. Christian ist deutscher Staatsbürger, aber in gewisser Weise auch Halb-Däne. Seine Mutter hat dort 25 Jahre gelebt, seine Schwester wohnt in Dänemark, und Christian ist seit seiner Kindheit bei den „Danskerne“ Dauergast. „Ich angele dort immer in der Nordsee – deshalb bereite ich heute Fisch zu.“ Kochen kann der 56-jährige Physiotherapeut und Vater dreier Kinder unglaublich gut, sodass die anderen in der Runde fragen: „Warum bist du nicht Koch geworden?“
Joëla Fifie Razafindrazanamarina
Joëla kommt aus Madagaskar und ist der absolute Sonnenschein. Die 25-Jährige strahlt einfach. Kein Wunder, dass sich ihre Au-pair-Gastfamilie in Kiel gar nicht mehr von dem kleinen Wirbelwind trennen wollte. Also blieb Joëla drei Jahre statt zwölf Monate im weit von ihrer Heimat entfernten Deutschland. Dann gefiel es ihr hier im Norden so gut, dass sie nun eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei Bartels-Langness in Kiel macht. Aus Madagaskar hat sie frische Vanilleschoten mitgebracht. „Die baut meine Mutter selbst an.“

Drei Kochkandidaten, drei weit entfernte Länder, drei völlig verschiedene Charaktere. Und das Spannende: Shiva, Christian und Joëla lernen sich heute zum ersten Mal kennen und wollen zeigen, wie in ihren Heimatländern gekocht wird. Ein kurzer Blick ins Internet zeigt: 22 Stunden Flug liegen zwischen Joëlas Heimatort Sambava in Madagaskar und Shivas Geburtsstadt Hyderabad City in Indien. Von Indien nach Dänemark braucht man 16 Stunden auf dem Luftweg. Dennoch fühlen sich die drei nach der kurzen Vorstellungsrunde gleich verbunden. „Ich war schon mal in Madagaskar, und natürlich habe ich mich da mit frischer Vanille eingedeckt“, sagt Christian. Wie gut, dass Joëla genau diese für jeden Teilnehmer mitgebracht hat: „Madagaskar ist bekannt für Vanille und auch für Kaffee.“ Wofür Indien bekannt ist, ist kein Geheimnis. Shiva hat ein ganzes Sortiment unterschiedlicher Gewürze dabei und legt auch gleich los mit dem Kochen, denn da fühlt er sich in seinem Element. In Australien und London hat er in verschiedenen Restaurants, Cafés und Clubs gearbeitet und jede Menge Erfahrung gesammelt. Das bereits vorgekochte Lamm versorgt der 36-Jährige löffelweise mit Chili, Kurkuma und Koriander. Die Luft wird schlagartig so feurig, dass Christian und Joëla immer wieder husten müssen. Beide dürfen das gewürzte Fleisch schon einmal testen – und wieder wird gehustet, was das Zeug hält. Großes Gelächter in der Küche, aber Shiva sagt im Brustton der Überzeugung: „Das ist nicht scharf. Ich koche heute extra nicht scharf.“

Kommen wir zu Dänemark mit seiner skandinavischen Kühle und Schlichtheit. Christian paniert die Schollenfilets mit Mehl und würzt sie nur minimal, damit der Fischgeschmack am Ende erhalten bleibt. „Ich habe mit elf Jahren schon in Dänemark zusammen mit meinem Vater geangelt – und tue es immer noch gern. Plattfisch, Dorsch, Hering, Scholle, da schwimmt so einiges in der Nordsee.“ Die Dänen selbst können nicht besonders gut kochen, findet Christian und lacht. „Aber sie essen gern. Frokost – das ist eine Kombination aus vielen verschiedenen Gängen. Die Dänen sitzen dann lange am Tisch, sie sind ein sehr geselliges Volk.“ Während die Skandinavier häufig zum Fertigprodukt Remoulade greifen, macht Christian die Soße für den Fisch und den Salat schnell selbst. Er verrührt Crème fraîche, Ketchup, Mayonnaise, Zitronensaft, gehackte Gewürzgurken und Gewürze – fertig. Joëla probiert und ist begeistert: „Wie ist das genaue Rezept?“ Schulterzucken beim Norddeutschen: „Weiß ich gerade noch nicht. Dansk Freestyle, würde ich sagen.“
Die Jüngste in der Kochrunde ist heute für die Nachspeise zuständig. Die Kochbananen müssen etwa 30 Minuten im Topf gegart werden. Sie sollen am Ende auf jeden Fall noch schön bissfest sein. Darüber kommen Kokosmilch und natürlich die berühmte frische Vanille. „Diese Nachspeise ist ganz typisch für den Norden Madagaskars. Man lernt das Gericht in der Familie.“ Während Joëla kocht, erzählt sie, dass sie ab und zu Heimweh hat, sich aber in den vergangenen fünf Jahren toll eingelebt hat in Kiel. Es sollte für sie nur ein Jahr als Au-pair werden, aber die Freundschaft zur Gastfamilie war so tief, dass mehr daraus wurde. „Ich spiele jetzt auch Fußball beim Wiker SV in Kiel“, erzählt sie strahlend. Deutsch spricht die Auszubildende nahezu perfekt, was Shiva sehr beeindruckt. Er setzt auch in Deutschland bisher lieber aufs Englische.
Am Ende finden sich Indien, Dänemark und Madagaskar gemeinsam am Tisch ein und staunen über die völlig unterschiedlichen Vor-, Haupt- und Nachspeisen. Nach der angeblich gar nicht scharf gewürzten Vorspeise müssen Christian und Joëla erst einmal ein Glas Milch trinken. Die Kombination aus Schollenfilet, Salat, Schwarzbrot, Remoulade und Röstzwiebeln finden die Südländer spannend. Und der zuckrige Abschluss ist ratzfatz von allen verputzt. Ein Kochabend mit Zutaten und Speisen quer durch die Welt – faszinierend, würzig und für alle bereichernd.
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