Kulinarischer Dreiklang

Kühler Norden, feuriger Süden, märchenhafter Osten: Unterschiedlicher kann die Herkunft der Köche bei dieser Hierleben-Kochrunde nicht sein. Die Speisen: leicht, deftig und fruchtig süß. Eine perfekte Kombination für ein gelungenes Menü.

Heidi Kerkola
Bei Heidi muss jeder Handgriff sitzen, auch beim Kochen. Drei Kinder sind zu umsorgen, und berufstätig ist sie – wie ihr Mann – auch noch. Von zu Hause aus arbeitet sie an Imagekampagnen für die Tourismuszentrale ihrer Heimatstadt Tampere. Bald heißt es, sich von Hannover zu verabschieden. Es geht zurück nach Tampere. Finnlands drittgrößte Stadt ist von 200 Seen umgeben. Die schöne Landschaft wird helfen, die Sehnsucht nach Hannover zu vertreiben. Gibt es etwas Schöneres, als sich am Wochenende nach dem Frühstück ins Boot zu setzen und den Fisch fürs Mittagessen frisch zu angeln?
Sofia Sanz
Noch nicht allzu lange in Hannover, fühlt sich die Madrilenin hier gut aufgenommen. Vor allem in der Internationalen Schule, die ihre Kinder besuchen, gibt es schöne Events. „Das bringt Menschen zusammen“, sagt Sofia. Gemeinsam wird gekocht und sie geht mit Schülern auf Reisen, um Land und Leute kennenzulernen. Die Bauingenieurin will ihr Deutsch verbessern und wieder in ihren Beruf einsteigen, um auch zum Familienunterhalt beizutragen. „Gebaut wird überall“, meint sie. Zu Gastgeber Kambysia, von Beruf Architekt, sagt die zweifache Mutter: „Vielleicht machen wir einmal ein Projekt gemeinsam?“
Kambysia Karl Hakim-Meibodi
Einmal im Jahr fliegt der Architekt und Hochschuldozent in den Iran. Meist nach Isfahan, in seine Geburtsstadt, die er als Achtjähriger mit seinen Eltern verlassen musste. „Die Stadt ist ein Juwel des alten Persiens“ schwärmt er, „die blauen Kuppeln der Moscheen, die prächtigen Paläste.“ Die überwältigende Gastfreundschaft begeistert ihn genauso wie das gemeinsame Kochen, das zur Familientradition gehört. „Dabei werden alle Familienprobleme erörtert.“ Zu seinen elf und fünf Jahre alten Töchtern sagt er oft: „Schaut mal in den Kühlschrank. Lasst uns experimentieren und eine tolle Mahlzeit auf den Tisch bringen.“

Als Heidi und Sofia mit ihren Lebensmitteln bei Kambysia, kurz Kambys genannt, eintreffen, haben sie schon etliche Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Weit entfernt vom Großstadtgetriebe in idyllischer Natur liegt das Haus des Gastgebers in Isernhagen-Süd. Hier grasen Pferde auf den Weiden, liegt der Acker vor der Tür, fällt der Blick auf hochgewachsene Bäume. „Wunderschön“, sagen die beiden jungen Frauen und bewundern den modernen Bau: eben ein Architektenhaus, gradlinig, lichtdurchflutet, praktisch-raffiniert. Lob auch für die puristische Kücheneinrichtung und die schicken Kugelleuchten über dem rustikalen Esstisch, den eine Tischdecke mit einem interessanten Schwarzweiß-Muster ziert.

„Das ist das berühmte Granatapfelmuster“ erklärt Kambys, „der Granatapfel ist ein Schlüsselwort für die persische Kultur.“ Er zeigt auf die Früchte, die mit ihrem satten Rot dekorativ die Tischdecke schmücken. Dunkelrote Kerne leuchten in einer mit blauen Vögeln bemalten Keramikschale. „Das Geschirr kommt natürlich aus Persien“, erzählt Kambys und lacht. „Meist habe ich Übergepäck und muss immer eine Menge Geld zahlen.“ Klar, dass man gleich mittendrin ist beim Fachsimpeln zum Thema „Granatapfel öffnen“.

Wenn Kambys es nicht weiß, wer dann? „Ganz einfach“, erklärt er. „Granatapfelstengel rechteckig ausschneiden, sodass ein Loch entsteht. Von jeder Ecke mit einem scharfen Messer vier Schnitte bis hinunter zum Stielansatz ziehen. Die Frucht entlang der Schnitte sternförmig aufbrechen – und voilà! Die Küche bleibt sauber!“ „Diese Methode überzeugt“, begeistern sich die die beiden Mitköchinnen und einigen sich, dass nun aber zuallererst Kartoffeln geschält werden müssen für die Tortilla Española.

Kambys zückt seine Messer. Mit Damaszener Schliff, versteht sich: „Ich liebe und achte alte Kulturleistung.“ Schnell sind die Kartoffeln geschält und in gleichmäßig dünne Scheiben geschnitten.

Sofia gießt reichlich Olivenöl in die hohe Pfanne „So viel?“ Heidi wundert sich. Aber als sie später sieht, dass das überschüssige Öl abgegossen wird, ist sie beruhigt. Ihr Fischfond sprudelt bereits, sie legt die geschabten, geschnittenen Möhren und die kleinen halbierten Kartoffeln hinein. Sie und Sofia schneiden den Lachs in Würfel und achten darauf, dass keine Gräten mehr zu finden sind. „Wir Finnen essen gern Suppen“, erzählt Heidi, „sie sind leicht und schnell zu machen. Die finnische Küche ist gesund, einfach, rustikal und doch fantasiereich.“ Sofia gibt die Zwiebeln in den Kartoffelkuchen. Sind sie goldgelb, kommt die Kartoffelmasse in die Schüssel mit den verschlagenen Eiern. Man lässt sie ruhen und dann geht’s zurück in die Pfanne. Nun heißt es: warten, bis die Ei-Kartoffel- Masse zu stocken beginnt.

Das Stürzen steht an. „Hoffentlich klappt´s“, flachst Sofia, die sich als richtiger Profi erweist. „In Spanien gehört die Tortilla zum Alltag, ist in jeder Tapas-Bar zu haben und kommt fast täglich in jedem Privathaushalt auf den Tisch. Für Kinder klemmt man sie als Schulvesper zwischen das Baguette.“ Der Lachs ist gar gezogen, Sahne dazu und mit Dill bestreuen. Es fehlt nur noch das Dessert.

Kambys süße Reisspezialität hat er schon am Tag zuvor zubereitet „Muss gut gekühlt sein und ist für den Gastgeber einfach praktischer.“ Aber seinen Mitköchinnen demonstriert er, wie man den kostbaren Safran im Mörser zermahlt. Er gibt dem Reis die intensive gelbe Farbe. Kunstfertig verziert er den Reispudding mit Pinienkernen, Mandelstiften, Granatapfelkernen, Rosinen und Zimt. „Das ist das berühmte Paisleymuster“, erklärt er, „ein Symbol für das Leben und die Unendlichkeit.“ Kambys erzählt von seinen architektonischen Großprojekten. Mit seiner Frau Isabel hat er unter anderem eine einfache Sparkassenfiliale in ein Toprestaurant verwandelt oder ein altes Umspannwerk zu einer originellen Gaststätte umgebaut.

„Da werden wir alle mal essen gehen“, ruft Sofia, „doch jetzt lasst uns tafeln!“ Und Finnland, Spanien, Iran vereinigen sich zu einem köstlichen kulinarischen Dreiklang.

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