Leckereien von drei Kontinenten
Afrika, Asien und Europa in einer kleinen Küche in Kiel vereint: Drei junge Menschen, die bei der Stiftung Naturschutz arbeiten, probieren sich an Gerichten aus ihrer Heimat aus. Yamswurzelbällchen, Köfte und Biskuitrolle – es muss ja nicht zu kompliziert werden. Dazu ein afrikanisches Tänzchen, und die gute Laune steigt.
Gifty Attiah
Ihre Rasta-Zöpfe wippen, die weißen Zähne blitzen, ihr strahlendes Lächeln ist ansteckend: Gifty kommt den weiten Weg von Ghana, um in Kiel den forschungsorientierten Studiengang „Environmental Management“ zu belegen. Die 28-Jährige gibt zu, ihre Familie aus der Heimat zu vermissen und sich im hohen Norden auch ein bisschen einsam zu fühlen. Aber in den vier Jahren, die sie jetzt hier ist, hat sie schon Freunde gefunden, mit denen sie tanzen geht oder die sie auch gern mal bekocht – natürlich afrikanisch.
Beyza Tetik
Wenn Beyza nicht gerade bei der Stiftung Naturschutz ist, wo sie eine Ausbildung macht, trifft man sie mitunter im Schrebergarten ihrer Eltern. „Wir pflanzen alles Mögliche selbst an: Kartoffeln, Tomaten, Rucola, Topinambur ...“ Und dann wird zusammen gekocht. Außerdem arbeitet die 23-Jährige noch nebenberuflich bei der Post – ein wahres Energiebündel. Ihre türkische Heimatstadt Konya, die sie als Kleinkind verließ, besucht sie mit ihrer Familie jedes Jahr. „Dann gehen wir im Taurusgebirge klettern“, erzählt sie, und ihre Augen leuchten.
Maksim Martynuk
Nein, er sei kein Kasache, sondern ein Kasachstaner, stellt Maksim gleich lächelnd klar. Seine Oma war Russlanddeutsche, und die Familie bekam 2002 die Möglichkeit, als Spätaussiedler nach Deutschland zu gehen. Nun ist der 20-Jährige also hier groß geworden und für Finanzen bei der Stiftung Naturschutz zuständig. Er betont: „Meine Heimat vergesse ich nicht.“ Immer mal wieder fährt der fröhliche junge Mann dorthin und besucht Verwandte. Heute zum Kochtermin ist er leicht nervös. „Ich bin noch Anfänger – und ansonsten eher der Grillmeister.“

In der kleinen Küche in der Stiftung Naturschutz in Kiel ist schon ganz schön was los. Die drei Kochkandidaten messen konzentriert ihre Zutaten ab, der Fotograf schießt erste Bilder, ein Mitarbeiter der Stiftung filmt das Kochevent. Und auch die Ausbilderin der jungen Menschen, Margrit Meusel, ist da. Sie freut sich diebisch über die ungewöhnliche Aktion. „In der Ausbildung machen sich alle drei super. Und sie haben Ausstrahlung.“ Stimmt. Mal sehen, wie sie sich am Herd bewähren. Gifty Attiah aus Ghana ist für die Vorspeise zuständig. Die 28-Jährige spricht nur Englisch, aber das ist hier kein Problem, alle können sich mit ihr unterhalten. „Ich habe eine Yamswurzel gekauft. Die gibt es im Asialaden.“ Alternativ gehen auch Kartoffeln. Aus dem Gemüse will sie frittierte Bällchen zubereiten. Yamswurzel hat hier noch niemand gegessen, aber Margrit Meusel weiß um die gute Wirkung der Wurzel: „Die ist gut für Frauen in den Wechseljahren. Und auch gut für die Verdauung. Und für die Augen.“ Kurz gesagt: eine Wunderwaffe. Gifty schneidet das Gemüse in Stücke und kocht es weich. „In meiner Heimat essen wir viel Gemüse, allerdings auch viel Fleisch. Und Knoblauch!“, berichtet die Afrikanerin lachend. Um den Geschmack aller zu treffen, reduziert sie die Menge lieber von vier auf zwei Zehen.

Beyza ist heute für das Hauptgericht zuständig. Sie bringt die meisten Zutaten mit: Hackfleisch, jede Menge Gewürze, Gemüse, Kartoffeln, Reis und eine besondere Art Nudeln. Das Ganze wird eine Izmir Köfte: Frikadellen mit Gemüse und Reis. „Ich schaue mir viel bei meiner Mutter ab. Sie kann super kochen“, sagt die junge Türkin. Ihre Mutter war früher in der Türkei Bäuerin. Der Umzug nach Kiel und damit ins Stadtleben fiel ihr nicht so leicht. Der Schrebergarten in Kiels Stadtteil Hassee ist deshalb ein kleiner Rückzugsort für die ganze Familie. „Da grillen wir auch gern zusammen. Ein schöner Ort“, sagt Beyza. Der Dritte im Bunde, Maksim Martynuk, ist auch schon ordentlich in Aktion. Seine Biskuitrolle mit russischer, süßer Kondensmilch ist nicht so einfach. Schnell schießt er mit dem Handy ein Bild vom aufgehenden Teig im Ofen und leitet es an seine Mutter weiter. Alles gut so? „Wir beide haben das Ganze gesternschon einmal probiert. Ich hoffe, es gelingt mir heute“, berichtet er. Sobald der Teig fertig ist, folgt die schwierigste Aufgabe: Der Kuchenboden muss einmal komplett horizontal mit einem Messer geteilt werden. Alle schauen gespannt zu. Maksim arbeitet sich Stück für Stück vor – geschafft. Zusammen mit seiner Ausbilderin streicht er nun die Creme auf die beiden Teigböden und rollt alles auf. Sieht gut aus.

Gifty sitzt mittlerweile etwas gedankenverloren am Tisch und stampft die Yamswurzel mit einem afrikanischen Holzmörser. Sie versteht noch nicht gut genug Deutsch, als dass sie den Gesprächen folgen kann. „Ich spreche allerdings drei verschiedene afrikanische Sprachen“, erzählt sie lächelnd. Ihre afrikanischen Wurzeln will und wird sie in Kiel nicht vergessen. So ist sie zum Beispiel „Vice President for Ghana“ an ihrer Kieler Uni. Und wenn sie zum Tanzen geht, wird afrikanisch gesteppt. Apropos Tanzen: Gifty gibt eine Kostprobe und holt sich Maksim und Beyza heran. Lachend macht sie unterschiedliche Bewegungen vor, lässt die Arme in die Höhe schnellen, steppt vorwärts und rückwärts. Alle haben einen Mordsspaß, und am Ende wird applaudiert.

Musik und Tanzen verbinden – auch über Kontinente. Und Kochen natürlich auch. Als alle gemütlich am Tisch sitzen, die Yamswurzelbällchen wie in Afrika üblich mit der Hand essen, zusammen über die extrem leckere und angenehm scharfe Köfte staunen und schließlich die süße Biskuitrolle genießen, ist die Kochtruppe irgendwie ein Stückchen zusammengewachsen. Auch wenn die drei gemeinsam bei der Stiftung Naturschutz arbeiten, haben sie ihre Freizeit bisher nie zusammen verbracht. Vielleicht ändert sich das ja nun. Zumindest wissen alle mehr über die Heimatländer der anderen – und allein das hat den Abend schon lohnenswert gemacht.

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