Steffen J. Montigny zählt auf sein Helferteam, das mit Scheren, Eimern und ganz viel Lust auf Traubenernte loszieht. Viele sind seit Jahren dabei, Neulinge werden schnell mitgezogen. Die Solaris-Trauben, aus denen der „So mookt wi dat“-Weißwein gekeltert wird, sind vor zwei Wochen schon geerntet worden. Nun ist die etwas spätreifere Sorte Felicia dran. In dicken Bündeln, die oft nicht mal in zwei Hände passen, hängen die gelbgrünen Früchte an den Weinstöcken. „Sie sind gesund und gut gereift, der Ertrag ist hervorragend. Ich bin sehr zufrieden, daraus können wir besten Sekt machen“, sagt der Winzer und wuselt hin und her, damit sich die Kunststoffkübel möglichst schnell füllen. Betriebsleiter Marian Droszkowski lenkt den schmalen Traktor durch die Reihen und achtet darauf, dass jeder volle Eimer zackig geleert und zurückgereicht wird.
Anpacken ist angesagt
Wer hier hilft, will mit anpacken. Die Ernte mit den Freiwilligen entstand vor Jahren, als Neugierige aus dem Dorf sehen wollten, wie der Weinanbau im Norden funktioniert. Seit 2009 gedeihen auf zwei Hektar in Grebin die Reben von Winzer Steffen J. Montigny, der vor allem in Bretzenheim in Rheinland-Pfalz Weinbau betreibt, aber auch ein großer Fan seines schleswig-holsteinischen Anbaugebiets ist. „Im Sommer fühlt sich der Wein hier richtig wohl“, sagt er und verweist auf die normalerweise nicht allzu heißen Temperaturen und regelmäßige Niederschläge. Der „So mookt wi dat“ hat sich schon ein bisschen Kultstatus unter Kennern erarbeitet. Uwe und Irmgard Störmer helfen zum zweiten Mal beim Ernten. „Warum sollen wir an die Mosel fahren, wenn wir das hier erleben können?“, sagen sie schmunzelnd. „Auf Dauer geht’s zwar etwas auf den Rücken, aber dafür trifft man Gleichgesinnte.“ Karl Schuch, ehemaliger Bürgermeister von Grebin, ist Helfer der ersten Stunde. Er hat Birgit Manzke und Karen Droese für die Weinlese „angeworben“ – sie kennen sich als Mitglieder der „Metal Frogs“, einer Gruppe von Fans des Festivals in Wacken. „Macht echt Spaß“, urteilen die Schwestern bei ihrer Premiere.
Fachsimpeln über Weinanbau im Norden
Sonja und Nils Tollhagen sind aus Kiel gekommen. Sie sind ebenfalls eifrig dabei – und besonders wissbegierig. In der Nachbarschaft ihres Ferienhauses auf einer Insel nahe dem südschwedischen Karlskrona gibt es ein kleines, bemerkenswert erfolgreiches Weingut. „Wir haben auf Anraten unseres Nachbarn dort im Garten ein paar Reben gepflanzt. Klimatisch herrschen beste Bedingungen. Jetzt sammeln wir alle Infos über den Weinbau, die wir bekommen können. Und unser Ziel ist, alle norddeutschen Weingüter persönlich zu besuchen“, erzählt Sonja Tollhagen, während ihr Mann mit Steffen J. Montigny unter anderem über das richtige Management rund um die Reben, den perfekten Zeitpunkt für die Lese und den Schutz vor Pflanzenkrankheiten fachsimpelt – so viel Zeit muss sein.
Gute Ernte, großes Glück
Nach der Kaffeepause geht’s zu den roten Regent-Trauben, die malerisch am Hang zwischen Mühle und Schierensee heranreifen. Ebenso wie die Sorten Solaris und Felicia gelten sie als Zukunftsreben: von Natur aus pilzwiderstandsfähige Sorten, die sich deshalb besonders gut für den Bioanbau eignen. Bei 80 Prozent weniger Pflanzenschutz und entsprechend weniger Maschineneinsatz liegen die positiven Auswirkungen auf die CO2-Bilanz, die Bodenschonung und die Lebensbedingungen für Insekten auf der Hand. Der Genuss bleibt dabei keineswegs auf der Strecke. Die Zukunftsreben bringen neue und überaus spannende Aromen in die Weingläser. Noch am gleichen Abend reisen die frisch vom Stock geschnittenen Trauben per Kühltransporter nach Bretzenheim. Am nächsten Tag werden sie gepresst. Gärung und Ausbau des Traubenmosts sind wichtige Faktoren für die Qualität des späteren Weins, der in diesem Fall als „So mookt wi dat“-Roséwein in den Handel kommt. Doch so weit ist es noch nicht – erst einmal geht es bei der diesjährigen Weinlese in den Endspurt. Die Sonne blitzt durch die Wolken, das Team ist eingespielt, die Mengen sehen üppig aus. Am Ende sind alle glücklich: die Helfer, die sich bei Gulaschsuppe und einem Glas Wein stärken, und der Winzer, dem es mit Sachverstand und feinem Gespür Jahr für Jahr gelingt, in Schleswig-Holstein sehr guten Wein zu erzeugen.
Rezept