Gesegnete Mahlzeit
Gleich vier evangelische Kirchen in einer Straße – mit unterschiedlichen Flaggen und Wimpeln davor! Im Hamburger Portugiesenviertel stehen die schwedische Kirche und die drei Seemannskirchen von Norwegen, Finnland und Dänemark dicht an dicht. Was passt da besser als eine internationale Kochrunde unter nordischen Nachbarn?
Foto(s): Frederik Röh
Hege Marie Köster
Wirklich beeindruckend, wo Hege Marie überall gelebt hat! Geboren wurde die Tochter eines Seemannspastors in Singapur. Später zog sie mit ihren Eltern nach Frankreich, Hamburg und Norwegen. Nach Hamburg kam sie zurück, um eine Kochlehre zu machen. Ihr Fachwissen und Organisationstalent nutzte sie als Redakteurin beim Magazin „Essen & Trinken“. Heute arbeitet sie in der Verwaltung der norwegischen Seemannskirche. Ihre Freizeit verbringt die Mutter zweier Kinder gern in ihrem Gewächshaus. Und sie verrät: „Ich stricke wie verrückt.“
Sune Haubek
Sune ist seit fünf Jahren als dänischer Seemannspastor in Hamburg tätig. „Ich bin so oft wie möglich am Hafen bei den Schiffen und den See- leuten“, erzählt er. Natürlich gehören auch Gottesdienste, Trauungen, Gespräche und zahlreiche weitere Aufgaben zu seinem Berufsalltag. „Ich habe viel Arbeit, aber ich mag das“, sagt er gut gelaunt. Er ist in Viborg aufgewachsen und hat in Århus Theologie studiert. Anschließend hat er als Gemeindepastor und Militärseelsorger gearbeitet. Jetzt ist Hamburg das perfekte Zuhause für seine Frau und zwei seiner fünf Kinder.
Karoliina Laasio
Neben ihrem Vollzeitjob im Büro einer Spedition schafft Karoliina es noch, sich im Gemeinderat der finnischen Seemannskirche und für viele andere ehrenamtliche Aufgaben zu engagieren. „Ich bin ein bisschen die Frau für alle Fälle“, sagt sie schmunzelnd. Aufgewachsen ist sie in Lahti etwa 100 Kilometer nördlich von Helsinki. In Hamburg lebt sie seit ihrem Studium der Sozialpädagogik. Vor allem im Sommer vermisst die fünffache Mutter die ruhige Natur Finnlands: „Oft ist es schön warm, man hört kein Auto, und nur die Mücken summen.“

Sune, Pastor der dänischen Benediktekirche in Hamburg, war von der Idee gleich begeistert. „Wir haben eine schöne neue Küche im Gemeindezentrum, da können wir kochen!“ Er und Hege Marie von der norwegischen Seemannskirche nebenan kennen sich schon lange. „Von unseren Büros aus können wir uns fast zuwinken“, erzählt Sune. Auch Karoliina, die sich in der finnischen Gemeinde ein Haus weiter ehrenamtlich engagiert, wird herzlich begrüßt: „Wir haben uns bestimmt schon einmal gesehen, bei einem Basar oder einer anderen Veranstaltung“, sagt Hege Marie.

Vier Kirchen, alle in einer Straße, dazu Seefahrergeschichten aus der großen weiten Welt: Die Ditmar-Koel-Straße nahe den St. Pauli-Landungsbrücken wird in fast jedem Reiseführer erwähnt. Den Gästen, die hier vorbeischlendern, fällt die moderne Bauweise des dänischen Sakralbaus auf oder der freistehende Glockenturm mit Kupferdach der norwegischen Kirche. Nebenan gibt es sogar eine finnische Sauna, einen Shop und ein Café: „Wir sind so etwas wie das kleine Finnland-Zentrum“, beschreibt es Karoliina. Ein Café gibt es auch an der schwedischen Gustaf-Adolfs-Kirche am anderen Ende der Straße. Ursprünglich dienten alle vier Kirchen den Seeleuten aus dem Norden als ein Stück Heimat. Sune ist auch heute noch häufig direkt im Hamburger Hafen bei den Schiffen der dänischen Reedereien. Dass Seeleute in der Kirche beten wollen, kommt nur noch selten vor. Aber: „Wir haben einen Shuttle-Service für die dänischen Seeleute von den entfernten Liegeplätzen in die Altstadt“, erzählt er. „Der wird gut genutzt.“
Heute sind die nordischen Kirchen vor allem Treffpunkte und Anlaufstellen für Reisende und Zugezogene. Auch als die drei mit dem Kochen anfangen, trifft sich im Saal nebenan eine Gruppe dänischer Familien mit ihren Kleinkindern. In allen Kirchen finden Gottesdienste, Feste zu Feiertagen oder Konfirmandenunterricht statt, dazu viele Veranstaltungen – für Landsleute und für alle, die möchten. Soziale Unterstützung ist ebenfalls wichtig: „Ich mache auch mal Krankenbesuche“, sagt Hege Marie, die eigentlich für die Verwaltung der norwegischen „Sjømannskirken“ zuständig ist.
Sune war am Vortag zufällig in Dänemark und hat in Århus eingekauft. „Fleischklößchen in Curry – das ist das Lieblingsgericht meiner Kinder und etwas, was Dänen überhaupt oft essen“, erzählt er. „Allerdings verfeinere ich meine Version etwas und nehme mehr Curry, dann ist es würziger.“ Karoliinas Dessert ist einfach und schnell zubereitet. Es besteht aus nur fünf Zutaten: Äpfel, Zimt, brauner Zucker, Margarine – und Haferflocken, eine Art Nationalgericht in Finnland: „Die essen wir, wie man in Deutschland Brot ist“, sagt sie schmunzelnd. Für die Vorspeise hat Hege Marie dünne Fladen aus Kartoffelteig mitgebracht: Lompe. „Meine Großmutter hat die Fladen immer selbst gemacht – aus gekochten Kartoffeln und Weizenmehl. Ersatzweise kann man kleine Weizentortillas nehmen“, empfiehlt sie. Die Lachscreme ist schnell zusammengerührt und duftet herrlich nach Räucherfisch und Kräutern. Die kleine Dose mit Forellenkaviar kommt ebenfalls aus Norwegen: „Der aus Deutschland geht auch, ist aber oft salziger.“
Die Lachscreme-Röllchen kann man auch beim traditionellen Adventsbasar probieren. Im November strömen Tausende Menschen in die Ditmar-Koel-Straße, um sich bei den Basaren der nordischen Kirchen mit Plätzchen, Leckereien und nordischer Dekoration einzudecken. „Für viele gehört dieses Basar- Hopping zur Vorweihnachzeit einfach dazu“, meint Karoliina. „Und wir streiten immer, wo es den besten Glögg gibt!“, sagt Hege Marie und lacht. Auch rund um Mittsommer gibt es einen gemeinsamen Gottesdienst, Picknick und einen spielerischen Wettkampf: die Nordic Games. Bei Wikingerschach oder Boccia wird entschieden, welche Gemeinde die Goldmedaille des Jahres gewinnt.
Im hellen Gemeindesaal der Benediktekirche mit Blick auf den Hamburger Michel ist inzwischen der Tisch gedeckt. Während Karoliina ihre Nachspeise etwas abkühlen lässt und Sune sein Hauptgericht noch einmal abschmeckt, garniert Hege Marie ihre Vorspeise mit etwas Kaviar. Na dann: Gesegnete Mahlzeit!
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