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14. November 2018

Mamas Rezepte

Wenn Pirjoliisa, Mara und Tatjana in dieser Kochrunde die Rezepte ihrer Mütter nachkochen, ist das für sie eine wunderbare Erinnerung an Heimat, Kindheit und Familie. Die drei Frauen sind sich einig: „Unsere Mütter waren die besten Köchinnen der Welt.“

Mamas Rezepte

Wenn Pirjoliisa, Mara und Tatjana in dieser Kochrunde die Rezepte ihrer Mütter nachkochen, ist das für sie eine wunderbare Erinnerung an Heimat, Kindheit und Familie. Die drei Frauen sind sich einig: „Unsere Mütter waren die besten Köchinnen der Welt.“

Pirjoliisa Seelaff

„Die Finnen suchen sich ihren Nachtisch im Wald“, erzählt Pirjoliisa und erinnert sich an den unvergleichlichen Duft von frisch gepflückten Heidelbeeren. Im finnischen Oulo, der nördlichsten Stadt der EU, wuchs sie auf. Da lagen die Wälder mit ihrem Reichtum an Beeren und Pilzen quasi vor der Haustür. In Pirjoliisas Kühlschrank dürfen nie kalt gerührte Preiselbeeren fehlen. Die passen perfekt zu den köstlichen Wildbraten, die die Finnin oft auf den Tisch bringt. Schließlich ist ihr deutscher Mann passionierter Jäger, mit dem die studierte Germanistin schon viele Jahre im niedersächsischen Burgdorf lebt.

Mara Peres da Silva Schleper

Mit ihrer Malerei will Mara gleichzeitig das Zufällige und das Unendliche zum Ausdruck bringen. Sie arbeitet in ihrem eigenen Atelier und gibt Kurse im hannoverschen Stadtteilzentrum „Krokus“. Die Portugiesin hat in Lissabon Kunst studiert und dort auch ihren deutschen Mann kennengelernt. Ihre Kindheit verbrachte sie in Mosambik. Ein Teil ihrer Vorfahren lebte im indischen Goa, sodass das Leben in den damaligen portugiesischen Kolonien auch die Küche ihrer Familie prägte. „Was Essen anbelangt, bin ich für alles offen“, sagt sie. „In den 26 Jahren in Deutschland habe ich deftige Mahlzeiten lieben gelernt, vor allem Rotkohl.“

Tatjana Marinina

Nach dem Wirtschaftsstudium in Moskau ging Tatjana zurück in ihre Heimatstadt Taschkent in Usbekistan, gründete eine Familie und arbeitete als Buchhalterin. Seit 2002 ist Hannover ihr Zuhause. Bevor sie zur „Starköchin“ in Hannovers liberaler jüdischer Gemeinde aufstieg, hat sie sich dort mit ihrem musikalischen Talent einen Namen gemacht. Heute sind ihre köstlichen Büfetts auf allen jüdischen Festen legendär. „Das Kochen habe ich meiner Mama abgeschaut“, erzählt sie. „Sie stand ständig am Herd und brachte mindestens sechs Hauptgerichte, dazu Obst, Gemüse und Salate auf den Tisch.“

Eine spannendere Kombination kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Gastgeberin Mara und hat ihr strahlendstes Lächeln aufgesetzt. „Kühler Norden und märchenhaftes Asien treffen sich mit europäischem Süden.“ Mit dieser herzlichen Begrüßung geht allen gleich das Herz auf. Die Arbeitsfläche wird inspiziert, die Zutaten werden ausgepackt und die Rezepte ausgetauscht. Was für ein Zufall: Alle drei haben ein Gericht aus den Rezeptesammlungen ihrer Mütter ausgesucht. „Ja, sie waren die besten Köchinnen der Welt“, weiß das internationale Trio und erinnert sich an die dampfenden Töpfe, an wunderbare Aromen, an große Familienfeste. Während Pirjoliisa Rote Bete schneidet und Tatjana Apfelsinensaft presst, erzählt Mara von ihren drei Wurzeln, die ihr Leben beeinflusst haben. Von ihrer Kindheit in Afrika, von der Verwandtschaft in Indien und von ihrer portugiesischen Herkunft. Der Thunfischkuchen, der heute seinen Auftritt als Hauptgericht hat, ist eine Art Melange daraus. Kokosmilch steht für den indischen Einfluss, Thunfisch natürlich für Portugal und die exotischen Gewürze spiegeln Afrika wider. „Von diesem Gericht gibt es x Varianten, jede Familie hat ihr gehütetes Rezept, meine Mutter aber hat den Thunfischkuchen zur Perfektion gebracht.“ Mara lacht. „Ich wollte ganz sicher sein und habe sie wegen der Zutaten doch noch mal angerufen.“ Mara ist glücklich, dass ihre Mutter in Lissabon sich noch guter Gesundheit erfreut. „Ihr glaubt gar nicht, was sie alles auftischt, wenn wir zu Besuch kommen.“ Pirjoliisa und Tatjana wissen, wovon Mara spricht. Ihre Mütter, die nicht mehr leben, haben es genauso gemacht. Aber der Apfel fällt nicht weit von Stamm. Auch die beiden bewegen sich schon lange in den Fußstapfen ihrer Mütter, sorgen sich rührend um das leibliche Wohl ihrer Familien. Während Maras Töchter noch studieren, freuen sich Tatjana und Pirjoliisa schon über Enkelkinder. Pirjoliisa schneidet den Hering in kleine Stücke. „Mein Heringssalat ist auch so ein Mutterrezept wie Maras Thunfischkuchen“, erzählt sie. „Bei den Finnen gibt es ihn meist zu Weihnachten. Ich serviere ihn oft auf Partys oder zu Geburtstagen. Die Leute lieben das Gericht, weil die erdigen Aromen der Roten Bete in der süßsauren Soße einen interessanten Gegenspieler finden.“ Fasziniert schauen Mara und Tatjana zu, wie Pirjoliisa die Sahne schlägt. „Sie darf nicht zu steif sein“, erklärt die Heringssalat- Spezialistin. „Jetzt gebe ich den Rote-Bete-Saft, etwas Zucker und ein paar Tropfen Weinessig hinzu. Der Clou ist, dass diese Sahnesoße extra gereicht wird.“ Die Finnin hat zudem eine besondere Spezialität mitgebracht, die sie zum Heringssalat serviert: Piroggen, gefüllt mit Milchreis. Die kauft sie tiefgefroren bei einem Cateringunternehmen, das finnische Frauen in Hannover gegründet haben. „Ob Brot, Liköre, Marmeladen, früher wurde in Finnland alles selbst gemacht“, sagt Pirjoliisa und reicht die Eibutter, die auf die erwärmten Piroggen gestrichen wird. „Einfach köstlich“, loben Tatjana und Mara Pirjoliisas Kochkünste. Sie genießen die Vorspeise, da ihre beiden Kuchen – der süße und der würzige – noch im Ofen backen. Da ist auch Zeit, Maras Bilder zu bewundern, stimmungsvolle Landschaften und ausdrucksstarke Porträts, die aus einem Zusammenspiel von Acryl, Sand und zeichnerischen Elementen entstehen. „Ich führe einen intensiven emotionalen Dialog mit dem Werk, bis die Spannung und die Kraft einerseits, die Tiefe und die Stille andererseits in Harmonie stehen“, erklärt sie ihren Mitköchinnen. Tatjana holt den Apfelsinenkuchen aus dem Ofen. Sie sticht mit einem Holzstäbchen viele Löcher in die Oberfläche und lässt den Sirup hineintropfen. „Die usbekische Küche ist die beste Küche Zentralasiens, viele Rezepte kann man Jahrhunderte zurückverfolgen.“ Morgen muss sie für ihre Gemeinde jüdische Speisen zubereiten. Für sie kein Problem, hat sie doch mehrere Kurse besucht, um koscher kochen zu lernen. Heute macht es ihr nichts aus, für 140 Personen leckere Büfetts zuzubereiten. „Können wir dich vielleicht mal engagieren?“, fragen Pirjoliisa und Mara. Tatjana lächelt. „Ja, wenn ich Zeit habe ...“ Sie holt aus ihrer Tasche große Pakete und überreicht sie ihren Mitköchinnen „Das ist Matze, das ungesäuerte Brot, das schon in der Bibel erwähnt wird. Für euch zur Erinnerung an einen wunderschönen Kochnachmittag.“

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